Der Satz wirkt wie ein Paukenschlag: „Über 80 Prozent aller Brustimplantate laufen aus.“ Diese Zahl ruft unwillkürlich Bilder von geplatzten Hüllen, ausgetretenem Silikon und unmittelbarer Gefahr hervor. Hinter der Aussage steht jedoch eine spezifische Art der Datenerhebung, die ohne Kontext leicht missverstanden wird. Der folgende Überblick ordnet die Zahl medizinisch ein, erklärt das Phänomen „Gel-Bleed“ im Unterschied zu einer tatsächlichen Ruptur, beschreibt realistische Risiken und zeigt, wie der Zustand von Implantaten verlässlich beurteilt werden kann – jenseits von Schlagzeilen und Panik.

Bedeutung der „über 80 %“-Zahl
Die Angabe, dass mehr als 80 Prozent aller Brustimplantate auslaufen, klingt dramatisch und nährt die Sorge vor einer weit verbreiteten Gefährdung. Tatsächlich bezieht sich diese Quote in der Regel nicht auf sichtbare Leckagen oder akute Schäden, sondern auf das mikroskopische Phänomen Gel-Bleed. Dabei diffundieren sehr kleine Silikonpartikel langsam durch eine intakte Implantathülle in die dünne Bindegewebskapsel, die sich natürlicherweise um jedes Implantat bildet. Diese Partikel sind mit bloßem Auge nicht erkennbar und führen in vielen Fällen zu keinen spürbaren Beschwerden.
Der Nachweis erfolgt meist nur dann, wenn Implantate im Rahmen eines geplanten oder medizinisch notwendigen Eingriffs entfernt oder gewechselt werden. Das dabei entnommene Kapselgewebe wird histologisch untersucht; unter dem Mikroskop lassen sich selbst minimale Partikelmengen nachweisen. Viele Studien, die die „über 80 %“-Aussage stützen, beruhen auf solchen Kollektiven. Diese sind jedoch nicht repräsentativ für alle Trägerinnen, da Personen ohne Beschwerden und ohne Operation in diesen Auswertungen nicht erscheinen. So entsteht eine statistische Verzerrung, die eine hohe Häufigkeit mikroskopischer Befunde zeigt, ohne eine allgemeine klinische Gefährdung zu belegen.
Gel-Bleed ist seit Langem bekannt und technisch nicht vollständig vermeidbar. Es handelt sich um einen Materialprozess, der nicht automatisch gesundheitliche Schäden verursacht und nicht mit einer Ruptur gleichzusetzen ist. Die genannte Zahl steht daher in erster Linie für eine Laborbeobachtung und nicht für eine akute Risikosituation, die sofortiges Handeln erfordert.
Unterschied zwischen Gel-Bleed und Ruptur
Zwischen Gel-Bleed und Ruptur bestehen grundlegende Unterschiede hinsichtlich Ursache, Verlauf und klinischer Relevanz. Gel-Bleed beschreibt die langsame Wanderung mikroskopisch kleiner Silikonmoleküle durch eine weiterhin intakte Hülle. Die Hülle besteht aus mehreren Schichten eines widerstandsfähigen Silikonelastomers, das mechanische Belastungen abfedert und zugleich elastisch bleibt. Trotz hoher Materialqualität ist eine absolute Undurchlässigkeit auf Molekülebene nicht erreichbar, vergleichbar mit hochwertigen Barrierefolien, die für Flüssigkeiten undurchlässig erscheinen, einzelne Moleküle jedoch diffundieren lassen. Die im Gewebe ankommenden Partikel bleiben in der Regel lokal auf die Kapsel begrenzt und verursachen häufig keine Beschwerden.
Eine Ruptur bezeichnet hingegen einen tatsächlichen Defekt der Hülle. Die Ursachen reichen von Materialermüdung und dauerhafter mechanischer Beanspruchung bis hin zu seltenen Produktionsfehlern oder äußeren Einwirkungen. Bei einer intrakapsulären Ruptur verbleibt das Silikongel innerhalb der körpereigenen Kapsel, sodass äußerlich oft keine Veränderungen erkennbar sind und der Befund erst in der Bildgebung sichtbar wird. Bei einer extrakapsulären Ruptur tritt Silikon in umliegendes Gewebe aus, was zu Verhärtungen, Schwellungen oder Verformungen führen kann und in der Regel behandlungsbedürftig ist.
Damit handelt es sich beim Gel-Bleed um einen meist klinisch stillen Materialprozess, während eine Ruptur einen strukturellen Schaden darstellt, der – je nach Ausmaß – diagnostische und therapeutische Konsequenzen hat. Eine Gleichsetzung beider Phänomene führt zu Fehlinterpretationen und unnötiger Verunsicherung.
Relevanz der Zahlen in der Praxis
Statistische Angaben zu Implantatkomplikationen sind nur vor dem Hintergrund der untersuchten Kollektive sinnvoll zu bewerten. Hohe Prozentsätze stammen häufig aus Studien, die ausschließlich Menschen einschließen, bei denen Implantate bereits entfernt oder gewechselt wurden. Diese Kollektive weisen per Definition eine höhere Wahrscheinlichkeit für Auffälligkeiten auf und sind nicht repräsentativ für alle Trägerinnen.
Langzeitbeobachtungen größerer, heterogener Gruppen zeigen für kosmetische Brustvergrößerungen nach etwa zehn Jahren durchschnittliche Rupturraten im niedrigen zweistelligen Prozentbereich. Bei rekonstruktiven Eingriffen können die Raten höher liegen, unter anderem aufgrund vorbestehender Gewebebelastungen durch Operationen oder Bestrahlungen. Haltbarkeit und Risiko werden zusätzlich von Implantattyp, Oberflächenstruktur, Lage (prä- oder submuskulär) und Operationstechnik beeinflusst.
Die „über 80 %“-Zahl beschreibt daher keinen typischen klinischen Verlauf. Sie steht für die Häufigkeit mikroskopischer Partikelnachweise in selektierten Kollektiven und nicht für eine allgemeine Ausfallquote moderner Implantate.
Mögliche Anzeichen für Veränderungen
Veränderungen rund um ein Implantat entwickeln sich häufig schleichend. Ein erstes Indiz kann eine subtile Formveränderung sein: eine leicht veränderte Silhouette, eine Verschiebung des Volumens oder ein nachlassendes Straffheitsgefühl. Sichtbar werden mitunter neue Wellen- oder Faltenbildungen, die zuvor nicht vorhanden waren. Solche Beobachtungen haben zahlreiche mögliche Ursachen – von natürlichen Gewebeveränderungen und Gewichtsschwankungen bis hin zu Materialalterung des Implantats.
Eine zunehmende Festigkeit oder Druckempfindlichkeit kann auf eine Kapselkontraktur hindeuten, bei der die körpereigene Bindegewebskapsel sich verdickt und zusammenzieht. In milderen Ausprägungen verändert sich lediglich das Tastgefühl; in ausgeprägteren Fällen treten Schmerzen, sichtbare Verformungen oder eine tastbare Verlagerung des Implantats auf.
Neu aufgetretene, meist einseitige Schwellungen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Dahinter kann sich ein Spätserom verbergen, also eine Flüssigkeitsansammlung um das Implantat. In seltenen Fällen können solche Befunde auf das sehr seltene Brustimplantat-assoziierte anaplastische großzellige Lymphom (BIA-ALCL) hinweisen, das vermehrt bei stark texturierten Oberflächen beobachtet wurde. Anhaltende Schmerzen, Druckempfindlichkeit, Ziehen oder Brennen sollten grundsätzlich abgeklärt werden.
Keines der genannten Zeichen beweist für sich genommen eine Ruptur oder eine schwere Komplikation. Eine strukturierte Abklärung durch erfahrene Fachleute ermöglicht die Unterscheidung zwischen harmlosen Anpassungen und behandlungsbedürftigen Veränderungen und verhindert Über- wie Unterbehandlung.
Bedeutung regelmäßiger Kontrollen
Regelmäßige Kontrollen haben einen hohen Stellenwert, weil relevante Veränderungen über lange Zeit ohne spürbare Symptome verlaufen können. Insbesondere intrakapsuläre Rupturen bleiben ohne Bildgebung häufig unentdeckt. Viele Fachgesellschaften empfehlen bei Silikonimplantaten eine erste bildgebende Kontrolle etwa fünf bis sechs Jahre nach der Operation und anschließend Intervalle von zwei bis drei Jahren, angepasst an die individuelle Situation.
Der Ultraschall bietet eine rasch verfügbare, belastungsarme und kosteneffiziente Erstbeurteilung. Erfahrene Untersuchende erkennen typische Muster wie Faltenbildungen, Flüssigkeitsansammlungen oder eindeutige Hüllendefekte. Bei unklaren Befunden oder spezifischem Verdacht liefert die Magnetresonanztomografie (MRT) meist die höchste diagnostische Genauigkeit und differenziert zuverlässig zwischen intakten, intrakapsulär rupturierten und extrakapsulär rupturierten Implantaten.
Neben dem Implantat selbst wird zugleich das umgebende Brustgewebe beurteilt. Das schafft Transparenz, eröffnet Handlungsspielräume und reduziert Unsicherheit: Unauffällige Kontrollen stärken das Sicherheitsgefühl, während auffällige Befunde früh erkannt und geordnet adressiert werden können.
Entscheidungsfindung bei Auffälligkeiten
Fällt in der Kontrolle eine Veränderung auf oder bestehen Symptome, beginnt ein Abwägungsprozess, der medizinische Fakten, individuelle Risikoeinschätzung und persönliche Prioritäten miteinander verbindet. Nicht jede Auffälligkeit erfordert einen Eingriff. Bei intakter Hülle, fehlenden Beschwerden und stabilen Befunden kann ein strukturiertes Beobachten die sinnvollste Option darstellen. Dieses Vorgehen ist eine bewusste Entscheidung für Sicherheit durch regelmäßige Überprüfung und gegen unnötige Operationsrisiken.
Eine gesicherte Ruptur, deutliche Formveränderungen, belastende Schmerzen oder eine ausgeprägte Kapselkontraktur sprechen dagegen eher für eine operative Lösung. In Betracht kommen die Explantation mit teilweiser oder vollständiger Kapselexzision, ein Implantatwechsel (gegebenenfalls mit Anpassung von Größe, Form, Oberfläche oder Lage) oder ein Formaufbau mit Eigenfett ohne erneutes Implantat. Jede Option besitzt spezifische Vor- und Nachteile hinsichtlich Narkose- und OP-Risiken, Ergebnisstabilität, Tastgefühl, Narbenführung und Erholungszeit.
Ein transparentes, ergebnisoffenes Aufklärungsgespräch mit Darstellung realistischer Erwartungen, möglicher Komplikationen und exemplarischer Resultate bildet die Grundlage für tragfähige Entscheidungen, die nicht aus Angst, sondern aus gut informierter Überzeugung getroffen werden.
Breast Implant Illness (BII)
Unter dem Begriff Breast Implant Illness (BII) wird eine Bandbreite unspezifischer Beschwerden zusammengefasst, die in zeitlichem Zusammenhang mit Brustimplantaten berichtet werden. Dazu gehören ausgeprägte Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen, kognitive Einschränkungen, Hautveränderungen, Haarausfall, Stimmungsschwankungen oder Herz-Kreislauf-Symptome. Die wissenschaftliche Einordnung ist komplex: Eine einheitliche, allgemein akzeptierte Definition existiert nicht, und die Studienlage ist heterogen.
Diskutierte Erklärungsmodelle umfassen immunologische Reaktionen auf Silikonbestandteile, bakterielle Biofilme an der Implantatoberfläche und chronische Entzündungsprozesse. Es liegen Hinweise vor, jedoch keine allgemeingültigen Ursache-Wirkungs-Ketten. Während einzelne Betroffene nach Explantation über deutliche Besserungen berichten, bleibt der Verlauf bei anderen unverändert. Diese Spannbreite erfordert eine sorgfältige, individuelle Abklärung.
In der ärztlichen Praxis hat sich ein respektvoller, symptomorientierter Ansatz bewährt: ernsthaftes Eingehen auf die Beschwerden, Ausschluss anderer Ursachen, transparente Darstellung der Datenlage und, sofern sinnvoll, die gemeinsame Abwägung einer Explantation mit realistischen Erwartungen an die Erfolgsaussichten.
Sachliche Einordnung der Risiken
Brustimplantate sind etablierte Medizinprodukte mit hohen Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Gleichwohl sind sie körperfremde Materialien in einem dynamischen biologischen Umfeld, sodass Veränderungen nicht vollständig ausgeschlossen werden können. Gel-Bleed tritt häufig als mikroskopischer Materialprozess auf und bleibt meist klinisch still. Rupturen sind seltener und nehmen mit der Zeit zu, liegen in großen Langzeitbeobachtungen jedoch weit unter der Schwelle, die öffentliche Debatten mit der Zahl „über 80 Prozent“ suggerieren.
Seltene, aber relevante Ereignisse wie ausgeprägte Kapselkontrakturen, Spätserome oder das Brustimplantat-assoziierte anaplastische großzellige Lymphom (BIA-ALCL) verdienen Aufmerksamkeit, ohne Anlass für pauschalen Alarmismus zu sein. Eine nüchterne Einordnung vermeidet sowohl Verharmlosung als auch Überdramatisierung und stellt die individuelle Situation in den Mittelpunkt.
Die beste Grundlage für langfristige Sicherheit bildet die Kombination aus informierter Entscheidung, regelmäßigen Kontrollen, erfahrener ärztlicher Begleitung und der Bereitschaft, bei Auffälligkeiten gezielt zu handeln. So wird aus einer potenziell beunruhigenden Zahl ein korrekt eingeordneter Mosaikstein – wichtig zu kennen, aber nur ein Teil des Gesamtbildes.
Quellen
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