Autor: Mazin Shanyoor
Wenn Beschwerden diffus bleiben und niemand eine klare Antwort hat!
Viele Menschen, die sich mit dem Begriff Leaky Gut beschäftigen, haben bereits eine längere Phase der Unsicherheit erlebt. Es beginnt oft schleichend. Der Bauch reagiert empfindlicher als früher.
Nach dem Essen entsteht Druck. Blähungen wechseln sich mit Phasen von Durchfall oder Verstopfung ab. Hinzu kommt eine Müdigkeit, die sich nicht allein durch Schlaf erklären lässt. Manche berichten über Hautreaktionen oder ein Gefühl innerer Instabilität.
Besonders belastend ist häufig, dass medizinische Untersuchungen zunächst unauffällig bleiben. Laborwerte liegen im Normbereich. Bildgebende Verfahren zeigen keine eindeutigen Veränderungen. Und dennoch fühlt sich der Körper nicht gesund an. In dieser Situation wirkt der Begriff Leaky Gut wie eine Erklärung. Endlich ein Bild. Endlich eine mögliche Ursache. Dieses Bedürfnis nach Einordnung ist verständlich und verdient Respekt.
Die Darmbarriere – ein fein reguliertes Grenzsystem
Die Darmbarriere – ein fein reguliertes Grenzsystem
Der Dünndarm ist weit mehr als ein Ort der Verdauung. Er ist eine Art hochsensibler Grenzraum zwischen Außenwelt und Körperinnerem. Alles, was wir essen, trinken oder unbewusst mit der Nahrung aufnehmen, passiert zunächst durch diesen Raum. Milliarden von Mikroorganismen, unzählige Moleküle aus Lebensmitteln, Fremdstoffe, Rückstände – all das trifft auf eine wenige Mikrometer dünne Schicht von Zellen. Und dennoch gelingt es diesem System in den meisten Fällen, zuverlässig zu unterscheiden: Das darf hinein. Das bleibt draußen.
Diese Unterscheidung ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben im menschlichen Körper. Denn der Darm muss gleichzeitig offen und geschützt sein. Er muss Glukose, Aminosäuren, Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe aufnehmen können. Er darf aber keine Bakterien oder größeren, potenziell schädlichen Strukturen unkontrolliert in den Blutkreislauf lassen. Zwischen diesen beiden Polen – Aufnahme und Abwehr – spielt sich täglich ein fein abgestimmtes Zusammenspiel ab.
Anatomisch betrachtet besteht die Darmschleimhaut aus einer einzigen Zellschicht. Diese Zellen liegen wie Mosaiksteine nebeneinander. Sie sind nicht lose aneinandergereiht, sondern über spezialisierte Verbindungen miteinander verschlossen, die man Tight Junctions nennt. Diese Schlussleisten bestehen aus komplexen Proteinstrukturen wie Claudinen, Occludin und ZO-Proteinen. Sie bilden eine Art regulierbare Dichtung zwischen den Zellen. Doch anders als bei einer starren Dichtung handelt es sich hier um lebendiges Gewebe, das auf Signale reagiert.
Diese Regulation ist hochdynamisch. Entzündungsmediatoren können die Tight Junctions lockern. Stresshormone beeinflussen ihre Stabilität. Bakterielle Stoffwechselprodukte aus dem Mikrobiom können sie stärken oder schwächen. Auch immunologische Prozesse wirken auf diese Strukturen ein. Das bedeutet: Die Darmbarriere ist kein statischer Schutzwall, sondern ein aktives, lernendes System. Sie passt sich an, sie reagiert, sie justiert sich ständig neu.
Gerade deshalb ist der Darm physiologisch nie vollständig „dicht“. Er ist selektiv durchlässig. Diese kontrollierte Durchlässigkeit ist keine Schwäche, sondern Voraussetzung für Leben. Ohne sie könnten wir keine Nährstoffe aufnehmen, keine Energie gewinnen, keine Bausteine für unsere Zellen bereitstellen. Die Kunst liegt im Gleichgewicht. In der Fähigkeit, genau so viel Öffnung zuzulassen wie nötig – und genau so viel Schutz zu gewährleisten wie möglich.
Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, spricht man medizinisch von einer erhöhten intestinalen Permeabilität. Dabei geht es nicht um ein Loch oder einen Riss, sondern um eine veränderte Regulation. Die „Feinjustierung“ der Tight Junctions funktioniert nicht mehr optimal. Für Betroffene klingt das oft dramatischer, als es biologisch gemeint ist. Tatsächlich beschreibt es zunächst eine funktionelle Verschiebung in einem sensiblen System.
Zu verstehen, wie anspruchsvoll diese Grenzfunktion ist, kann helfen, Beschwerden einzuordnen. Der Darm steht unter dauerhaftem Einfluss von Ernährung, Infekten, Medikamenten, Stress und Immunreaktionen. Dass ein so komplexes System sensibel reagieren kann, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck seiner Lebendigkeit. Entscheidend ist nicht, dass es reagiert – entscheidend ist, ob und wie es wieder in ein stabiles Gleichgewicht zurückfindet.
Erhöhte Darmdurchlässigkeit – ein reales biologisches Phänomen
Dass die Darmbarriere „durchlässiger“ werden kann, ist kein rein populärer Gedanke und kein Internet-Mythos. In der Medizin und Forschung ist das als erhöhte intestinale Permeabilität seit Langem beschrieben. Gemeint ist nicht, dass der Darm ein Loch hat oder „aufreißt“, sondern dass die feine Regulation der Barriere aus dem Takt gerät. Die Schleusenfunktion der Darmschleimhaut, die normalerweise sehr präzise entscheidet, was passieren darf und was nicht, wird dann weniger zuverlässig. Und genau das kann – je nach Kontext – biologische Folgen haben.
Ein klassisches Beispiel ist die Zöliakie. Hier ist sehr gut nachvollziehbar, dass bestimmte Getreidebestandteile (vor allem Glutenbestandteile) nicht nur das Immunsystem triggern, sondern auch Mechanismen aktivieren können, die die Verbindungen zwischen den Darmzellen beeinflussen. Ein Protein, das in diesem Zusammenhang häufig genannt wird, ist Zonulin. Es spielt eine Rolle bei der Regulation der Tight Junctions, also der „Schlussleisten“ zwischen den Epithelzellen. Wenn diese Regulation in Richtung „offener“ kippt, haben Bestandteile aus dem Darminhalt leichteren Kontakt zum Immunsystem. Bei Zöliakie ist das nicht irgendeine diffuse Vermutung, sondern Teil des nachvollziehbaren Krankheitsmechanismus: Die Immunreaktion ist real, die Schleimhaut wird angegriffen, und die Barrierefunktion ist in dieses Geschehen eingebunden.
Auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa findet man eine gestörte Barriere. Das ist medizinisch bedeutsam, weil hier die Darmschleimhaut in einem anhaltenden Entzündungszustand steht. Die Barriere ist dann nicht „ein bisschen irritiert“, sondern strukturell und funktionell beeinflusst durch Entzündungsmediatoren, Immunzellaktivität und Veränderungen im Mikrobiom. Für Betroffene ist das häufig spürbar als eine besondere Verletzlichkeit des gesamten Verdauungssystems: Der Darm wirkt schneller überreizt, Symptome eskalieren leichter, und der Körper reagiert, als müsste er permanent „mitarbeiten“, um das Gleichgewicht überhaupt zu halten.
Der entscheidende Punkt ist aber: In solchen Erkrankungen ist die erhöhte Permeabilität meist Teil eines klar definierten entzündlichen Prozesses. Sie ist eher Ausdruck einer bereits bestehenden Störung als eine einfache Ein-Ursache-für-alles-Erklärung. Das ist wichtig, weil es hilft, das Thema nicht zu überhöhen und nicht zu vereinfachen. Ein „durchlässiger Darm“ ist in diesen Kontexten nicht die Story, die alles alleine erklärt – er ist ein Baustein in einem komplexen Krankheitsgeschehen, in dem Immunregulation, Schleimhaut, Mikrobiom und genetische Faktoren ineinandergreifen.
Spannend – und wissenschaftlich noch nicht in allen Details abgeschlossen – ist der Blick auf systemische Autoimmunerkrankungen wie den Typ-1-Diabetes. Hier untersuchen Forscher seit Jahren, ob Veränderungen der Darmbarriere und des Mikrobioms dazu beitragen könnten, wie das Immunsystem „programmiert“ wird, wie es Toleranz lernt oder verliert und wie Entzündungsbereitschaft entsteht. Das heißt nicht, dass man Typ-1-Diabetes auf „Leaky Gut“ reduzieren könnte. Es bedeutet eher: Der Darm wird zunehmend als immunologisch relevantes Organ verstanden, das bei manchen Menschen – je nach genetischer Anlage und Umweltfaktoren – in Prozesse eingebunden sein könnte, die weit über Verdauung hinausgehen.
Für Patientinnen und Patienten ist diese Einordnung oft entlastend, weil sie zwei Wahrheiten gleichzeitig zulässt. Erstens: Ja, die Darmbarriere ist ein reales biologisches System, und ihre Durchlässigkeit kann sich messbar verändern – das ist seriöse Medizin. Zweitens: Gerade weil das System so komplex ist, ist Vorsicht vor einfachen Kausalgeschichten sinnvoll. Nicht jede diffuse Beschwerde bedeutet automatisch eine krankhafte Permeabilität. Und nicht jede nachweisbare Veränderung an der Barriere erklärt automatisch alle Symptome. Die Kunst liegt darin, den medizinischen Kontext sauber zu klären: Wann ist die Barriere Teil einer klaren Erkrankung, und wann wird ein plausibles Konzept zur Projektionsfläche für verständliche, aber nicht immer belastbare Erklärungen.
Wenn das Immunsystem sensibler reagiert
Der Darm ist nicht nur ein Verdauungsorgan, sondern eines der wichtigsten Immunorgane des Körpers. Ein großer Teil unserer Abwehrzellen sitzt direkt unter der Darmschleimhaut. Dort überwachen sie permanent, was aus dem Darminhalt in das Gewebe gelangt. In einem gesunden Gleichgewicht geschieht das leise und unauffällig. Das Immunsystem erkennt, unterscheidet, toleriert und reagiert – ohne dass wir davon etwas spüren.
Wenn jedoch größere Moleküle oder bakterielle Bestandteile vermehrt durch die Darmbarriere gelangen, verändert sich diese stille Balance. Immunzellen werden aktiviert, Botenstoffe werden ausgeschüttet, Entzündungsreaktionen werden angestoßen. Das ist zunächst nichts Krankhaftes. Es ist Teil der natürlichen Schutzfunktion. Der Körper prüft, bewertet und entscheidet, ob eine Abwehr notwendig ist.
Problematisch wird es, wenn dieser Zustand nicht mehr zur Ruhe kommt. Wenn die Aktivierung nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft bestehen bleibt. Dann kann aus einer sinnvollen Reaktion eine chronische Reizlage werden. Entzündungsmediatoren wirken nicht nur lokal im Darm, sondern können auch systemische Effekte entfalten. Und genau hier beginnt für viele Betroffene ein Erleben, das schwer greifbar ist.
Niemand spürt „Zytokine“ oder „Immunaktivierung“. Was spürbar ist, ist Erschöpfung. Ein Gefühl von innerer Daueranspannung. Eine Müdigkeit, die nicht erholsam ist. Manche berichten, dass sie nach dem Essen ungewöhnlich abgeschlagen sind. Andere erleben eine wachsende Unsicherheit gegenüber bestimmten Lebensmitteln. Was früher problemlos vertragen wurde, scheint plötzlich Reaktionen auszulösen. Das kann verunsichern und Angst machen. Der eigene Körper wirkt nicht mehr berechenbar.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang eine differenzierte Einordnung. Eine Reaktion des Immunsystems bedeutet nicht automatisch, dass der Körper sich selbst zerstört oder dauerhaft geschädigt ist. Das Immunsystem ist kein starrer Schalter, der nur „an“ oder „aus“ kennt. Es ist ein hochdynamisches Netzwerk, das sich ständig neu reguliert. Aktivierung und Dämpfung gehören zu seinen Grundmechanismen.
Gerade im Darm ist diese Regulation besonders fein abgestimmt. Täglich kommen unzählige Fremdstoffe in Kontakt mit dem Immunsystem, ohne dass daraus eine Krankheit entsteht. Selbst wenn es phasenweise zu einer erhöhten Reizlage kommt, besitzt der Körper grundsätzlich die Fähigkeit, wieder in ein Gleichgewicht zurückzufinden – vorausgesetzt, die zugrunde liegenden Belastungen werden erkannt und angemessen berücksichtigt.
Für Betroffene ist es daher wichtig zu wissen: Sensibilität bedeutet nicht automatisch Zerstörung. Eine vorübergehende immunologische Aktivierung ist kein Beweis für eine irreversible Schädigung. Gleichzeitig sollten anhaltende Beschwerden ernst genommen und sorgfältig abgeklärt werden. Zwischen Bagatellisierung und Panik liegt der medizinisch sinnvolle Weg – ein Weg, der erklärt, einordnet und beruhigt, ohne zu verharmlosen.
Die emotionale Dimension – zwischen Ernstgenommenwerden und Selbstzweifel
Viele Menschen, die über längere Zeit mit Verdauungsbeschwerden leben, kennen nicht nur den körperlichen Druck im Bauch, sondern auch den inneren Druck im Kopf. Dieses ständige Abwägen: Ist das „nur“ empfindlich? Ist es Stress? Oder übersehe ich etwas, das eigentlich längst ernsthaft abgeklärt werden müsste? Genau diese Ungewissheit ist oft das Zermürbende. Nicht der einzelne schlechte Tag, sondern die Wiederholung. Das Gefühl, dass der Körper unberechenbar geworden ist.
Wenn dann Untersuchungen unauffällig sind, kann das zwei Dinge gleichzeitig auslösen – und beide sind schwer. Auf der einen Seite ist da die Erleichterung: Kein Tumor, keine akute Entzündung, kein „großer Befund“. Auf der anderen Seite bleibt man aber mit dem eigentlichen Problem allein. Denn die Beschwerden verschwinden nicht, nur weil Werte im Normbereich liegen. Und genau hier entsteht dieser stille Zweifel, der sich in viele Gedanken einschleicht: Vielleicht übertreibe ich. Vielleicht bilde ich mir das ein. Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich. Viele Betroffene erleben, wie sie anfangen, sich selbst zu misstrauen – obwohl sie ihren Körper sehr genau spüren.
In Gesprächen mit Ärzten oder im Umfeld passiert dann manchmal etwas, das nicht böse gemeint sein muss, aber trotzdem verletzt. Ein Satz wie „organisch ist nichts“ kann, wenn er unglücklich fällt, klingen wie: „Da ist nichts.“ Und wer das oft genug hört, beginnt nicht nur an der Medizin zu zweifeln, sondern irgendwann auch an der eigenen Wahrnehmung. Man wird vorsichtiger mit dem Erzählen. Man erklärt sich kürzer. Man möchte nicht anstrengend wirken. Und genau dadurch wird das, was man erlebt, noch einsamer.
In dieser Lage wirkt der Begriff Leaky Gut auf viele wie eine Art Rettungsring. Endlich ein Bild, das nicht in die Schublade „nervös“ oder „funktionell“ geschoben wird. Endlich etwas, das so klingt, als könnte es den alltäglichen Kampf erklären: die wechselnden Stühle, die Schmerzen, das Brennen, die Erschöpfung, die diffuse Reizbarkeit nach dem Essen. Der Begriff fühlt sich an, als würde er die Beschwerden legitimieren. Und dieses Gefühl, nicht mehr kämpfen zu müssen, um ernst genommen zu werden, ist für viele fast genauso wichtig wie eine medizinische Erklärung.
Gleichzeitig hat dieser Begriff eine Schattenseite. Denn ein Bild kann auch Angst erzeugen. „Undicht“ klingt nach etwas, das kaputt ist. Nach einem Defekt, der nicht mehr rückgängig zu machen ist. Manche Betroffene bekommen beim Lesen plötzlich das Gefühl, ihr Körper sei fragil geworden, als würde jeder Bissen etwas verschlimmern. Aus Unsicherheit wird Vorsicht, aus Vorsicht wird Kontrolle, und aus Kontrolle wird schnell Angst. Dann wird Essen nicht mehr normal. Dann wird der Alltag eng. Dann wird jede Reaktion des Bauches zum Beweis, dass etwas „immer schlimmer“ wird.
Hier ist eine medizinisch wichtige und gleichzeitig beruhigende Einordnung hilfreich: In den meisten Fällen ist die Vorstellung eines dauerhaft „beschädigten“ Darms nicht zutreffend. Die Darmschleimhaut ist eines der regenerationsfähigsten Gewebe des Körpers. Sie erneuert sich schnell und reagiert dynamisch auf Belastungen. Das bedeutet nicht, dass Beschwerden harmlos sind oder dass man sie „aushalten“ muss. Aber es bedeutet, dass die Biologie des Darms nicht das Bild eines irreparablen Lecks unterstützt, das man nur noch fürchten kann.
Was Betroffene in dieser Phase oft am meisten brauchen, ist nicht die nächste extreme Erklärung, sondern etwas Stabileres: das Gefühl, dass ihr Leiden ernst ist, auch wenn es nicht sofort in einer klaren Diagnose aufgeht. Dass „unauffällig“ nicht „eingebildet“ bedeutet. Und dass man medizinisch differenziert hinschauen kann, ohne in Panik zu geraten. Denn zwischen Bagatellisierung und Alarmismus gibt es einen dritten Weg: ernst nehmen, einordnen, Schritt für Schritt verstehen. Und genau das ist für viele der Moment, in dem wieder etwas Ruhe in das System kommt – nicht, weil plötzlich alles weg ist, sondern weil man sich selbst nicht mehr ständig beweisen muss.
Mikrobiom, Stress und moderne Lebensweise
Das Mikrobiom beeinflusst die Stabilität der Darmbarriere maßgeblich. Bakterielle Stoffwechselprodukte fördern die Integrität der Schleimschicht und modulieren Immunprozesse. Chronischer Stress kann über hormonelle Signalwege die Durchlässigkeit der Darmwand verändern. Auch stark verarbeitete Ernährung oder wiederholte Antibiotikatherapien wirken auf dieses System ein.
Gleichzeitig erneuert sich die Darmschleimhaut innerhalb weniger Tage. Diese Fähigkeit zur Regeneration zeigt, dass das System anpassungsfähig ist. Nicht jede Veränderung ist dauerhaft oder irreversibel.
Diagnostik – sorgfältige Abklärung statt Schnelltests
Diagnostik – sorgfältige Abklärung statt Schnelltests
Wer sich mit dem Begriff Leaky Gut beschäftigt, hat oft nicht nur Beschwerden, sondern auch eine lange Geschichte von Versuchen, Ordnung in das Chaos zu bringen. Viele Betroffene haben bereits Ernährungstagebücher geführt, Lebensmittel weggelassen, wieder eingeführt, erneut gestrichen. Sie haben Stuhltests bestellt, Blutwerte verglichen, Foren gelesen, sich durch widersprüchliche Ratschläge gearbeitet. Und irgendwann entsteht der Wunsch nach einem klaren Befund, nach einem Test, der endlich sagt: „Das ist es.“
Genau hier liegt die emotionale Falle, in die man leicht geraten kann. Denn im Internet wird Diagnostik häufig als etwas verkauft, das schnell, eindeutig und endgültig ist. Ein einziger Test, ein einziger Wert, eine angeblich einfache Ursache. Medizin funktioniert so jedoch selten, gerade beim Darm. Der Verdauungstrakt ist ein System, das auf Ernährung, Stress, Schlaf, Infekte, Medikamente und Hormone reagiert. Ein einzelner Marker kann ein Puzzleteil sein, aber er ist selten das ganze Bild.
In wissenschaftlichen Studien wird die Darmdurchlässigkeit tatsächlich mit speziellen Verfahren untersucht. Diese Tests sind methodisch anspruchsvoll, standardisiert und werden in einem Kontext interpretiert, der sehr genau definiert ist. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass solche Messungen im klinischen Alltag bei unspezifischen Beschwerden dieselbe Aussagekraft haben. In der Praxis geht es zunächst um etwas viel Grundsätzlicheres: um die Frage, ob hinter den Symptomen eine behandelbare Grunderkrankung steckt, die man nicht übersehen darf.
Darum beginnt eine seriöse Abklärung nicht mit dem Etikett „Leaky Gut“, sondern mit einer strukturierten medizinischen Einordnung. Entscheidend ist zunächst die Anamnese: Wie genau sind die Beschwerden? Seit wann bestehen sie? Was verschlimmert sie, was lindert sie? Gibt es ungewollten Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, Fieber, nächtliche Durchfälle, ausgeprägte Schmerzen oder familiäre Belastungen? Solche Informationen sind nicht Nebensache, sie sind oft der Schlüssel dafür, ob eine weiterführende Diagnostik dringend ist oder ob zunächst ein anderer Weg sinnvoll erscheint.
Im nächsten Schritt geht es darum, wichtige Erkrankungen gezielt auszuschließen oder zu bestätigen. Dazu gehören entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, weil sie eine andere diagnostische und therapeutische Konsequenz haben als funktionelle Beschwerden. Dazu gehört auch die Zöliakie, weil sie immunologisch klar definiert ist und bei entsprechender Diagnostik zuverlässig erfasst werden kann. Ebenso können Infektionen, Nahrungsmittelintoleranzen, entzündliche Prozesse, Medikamentennebenwirkungen oder hormonelle Faktoren eine Rolle spielen. Oft ist es nicht der eine große Befund, sondern eine Kombination aus mehreren Einflüssen, die den Darm dauerhaft irritiert.
Vor diesem Hintergrund sind isolierte „Schnelltests“ aus dem Internet problematisch. Nicht unbedingt, weil jeder einzelne Test grundsätzlich wertlos wäre, sondern weil er häufig ohne medizinischen Kontext interpretiert wird. Ein Wert wird auffällig, und plötzlich entsteht der Eindruck: Das ist die Erklärung für alles. Das kann in die Irre führen. Es kann Ängste verstärken. Es kann dazu verleiten, radikale Maßnahmen zu ergreifen, die langfristig mehr schaden als nützen, etwa extrem restriktive Diäten oder wahllose Supplement-Kombinationen. Und es kann das Gefühl erzeugen, man müsse sich alleine therapieren, weil „die Medizin das nicht erkennt“. Dabei ist das Gegenteil oft richtig: Gerade bei komplexen Beschwerden ist Begleitung wichtig, weil sie schützt – vor Fehlinterpretation, vor Überdiagnostik und vor unnötiger Selbstbelastung.
Eine medizinisch belastbare Einschätzung entsteht deshalb nicht aus einem einzelnen Laborzettel, sondern aus dem Zusammenspiel von Gespräch, Untersuchung und gezielter Diagnostik. Das wirkt weniger spektakulär als ein „Leaky-Gut-Test“, ist aber deutlich verlässlicher. Und es hat einen entscheidenden Vorteil: Es nimmt Beschwerden ernst, ohne vorschnell eine Erklärung zu versprechen, die am Ende nur neue Unsicherheit produziert.
Für Betroffene kann dieser Weg sich zunächst langsam anfühlen. Aber er ist der Weg, der Klarheit schafft. Nicht durch einen schnellen Stempel, sondern durch nachvollziehbare Einordnung. Und genau diese Einordnung ist oft das, was am meisten entlastet: zu wissen, was es ist, was es nicht ist – und welche nächsten Schritte wirklich sinnvoll sind.
Fazit – zwischen Biologie und Bedürfnis nach Erklärung
Die Darmbarriere ist ein hochreguliertes, immunologisch aktives System. Eine erhöhte intestinale Permeabilität ist wissenschaftlich beschrieben, insbesondere bei bestimmten Erkrankungen. Das populäre Leaky-Gut-Syndrom als eigenständige universelle Diagnose ist jedoch nicht klar definiert.
Für Betroffene steht weniger der Fachbegriff im Mittelpunkt als die Frage, warum sich der eigene Körper nicht stabil anfühlt. Diese Frage verdient eine ernsthafte, empathische und medizinisch fundierte Begleitung. Der Darm ist kein beschädigtes Rohr. Er ist ein sensibles Organ, das auf Belastungen reagiert und in vielen Fällen die Fähigkeit besitzt, wieder zu einem Gleichgewicht zu finden.






