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Radon klingt harmlos, fast edel – schließlich zählt es zu den Edelgasen. Doch der schöne Schein trügt: Radon ist ein unsichtbares, geruchloses und radioaktives Gas, das aus Uran- und Thoriumvorkommen in der Erde entweicht. Was an manchen Orten als „natürliche Heilquelle“ vermarktet wird, ist in Wahrheit ein hochriskanter Cocktail aus Strahlung und giftigen Zerfallsprodukten. Denn sobald Radon zerfällt, entstehen Substanzen wie Polonium, Blei und Bismut – Teilchen, die sich tief in der Lunge festsetzen, dort Alphastrahlen abgeben und nachweislich Krebs auslösen können.

Dennoch leben ganze Regionen davon, dieses Gas als therapeutische Besonderheit anzupreisen: In Thermalstollen und Heilbädern soll Radon angeblich Schmerzen lindern und Entzündungen hemmen. Doch was nach einer sanften Naturmedizin klingt, ist ein gefährliches Spiel mit einem radioaktiven Stoff, dessen Risiken von den Betreibern gern kleingeredet werden.

55-jährige Frau hält ein Glas Wasser; im Hintergrund schemenhaft ein Radioaktivitätszeichen – Hinweis auf die Gefahr radonhaltiger Heilquellen.
Unsichtbar. Geruchlos. Gefährlich. Was als „Heilquelle“ verkauft wird, enthält ein Krebsrisiko: Radon zerfällt zu Polonium, Blei, Bismut – Partikel, die sich in der Lunge festsetzen, Alphastrahlen abfeuern und Zellen dauerhaft schädigen. Hoffnung ja – aber keine falschen Versprechen.

Zerfall und Halbwertszeiten

Das für den Menschen wichtigste Isotop ist Radon-222, das aus Radium-226 hervorgeht. Es hat eine Halbwertszeit von etwa 3,8 Tagen und zerfällt durch Abgabe von Alphastrahlung zu Polonium-218. Von dort setzt sich eine ganze Zerfallsreihe über Blei- und Bismut-Isotope fort, bis schließlich stabiles Blei-206 erreicht wird.
Daneben existieren Radon-220 (Thoron, 55 Sekunden Halbwertszeit) und Radon-219 (Actinon, 3,9 Sekunden Halbwertszeit), die jedoch wegen ihrer Kürze praktisch keine Rolle für die Radonbelastung in der Umwelt spielen.

Problematisch sind vor allem die Zerfallsprodukte von Radon. Diese Polonium-, Blei- und Bismut-Isotope lagern sich nach dem Einatmen an die Schleimhäute und das Lungengewebe an. Sie senden dort hochenergetische Alphastrahlen ab, die das Erbgut schädigen und das Risiko für Lungenkrebs deutlich erhöhen. Radon gilt daher – nach dem Rauchen – als zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs.

Radon als Heilquelle

Gleichzeitig gibt es Regionen, in denen Radon nicht nur als Gefahr, sondern auch als „Heilmittel“ gesehen wird. Thermalquellen und Stollen in Bad Gastein (Österreich), Jáchymov (Tschechien) oder Bad Kreuznach (Deutschland) enthalten natürlich vorkommendes Radon. Dort wird es seit über hundert Jahren in Kurbehandlungen genutzt: Patienten atmen radonhaltige Luft ein, baden in radonhaltigem Wasser oder verbringen Zeit in Radonstollen.

Die Anwendung richtet sich vor allem an Menschen mit chronischen Schmerzen, rheumatischen Erkrankungen oder Morbus Bechterew. Befürworter sprechen von einer schmerzlindernden und entzündungshemmenden Wirkung geringer Strahlendosen. Wissenschaftlich wird dies unter dem Stichwort Strahlenhormesis diskutiert – also der Gedanke, dass kleine Mengen Strahlung biologische Reparatur- und Schutzmechanismen stimulieren könnten.

Die Giftigkeit der Radon‑Zerfallsprodukte – Polonium, Blei und Bismut als tödliches Erbe

Wenn Radon zerfällt, ist das Gas selbst rasch verschwunden. Zurück bleiben jedoch feste, radioaktive Nachfolger: Isotope von Polonium, Blei und Bismut. Diese Partikel binden sich an Staub und Aerosole, werden unbemerkt eingeatmet und lagern sich in den Atemwegen ab. Anders als das flüchtige Radon verbleiben sie im Körper und wirken dort wie Mikrostrahler, die umliegendes Gewebe über Tage, Wochen oder Monate wiederholt bestrahlen.

Polonium – tödlich schon in Spuren

Polonium-210 (sowie kurzlebigere Polonium-Isotope) gilt als eines der gefährlichsten bekannten Radionuklide. Seine Alphastrahlung hat eine sehr hohe Energie und zerstört DNA, Zellmembranen und Enzyme direkt am Ort der Ablagerung. Bereits Mikrogramm-Mengen können letal sein, weil Polonium nach Aufnahme nur schlecht ausgeschieden wird und sich in inneren Organen verteilt.

Aufnahme und Verteilung: Nach der Inhalation oder oralen Aufnahme gelangt Polonium in den Blutkreislauf und reichert sich u. a. in Leber, Milz, Nieren und Knochenmark an. Die Folgen reichen von Knochenmarksschäden und schwerer Blutbildungsstörung bis zu Organversagen.

Blei – Schwermetallgift plus Strahlenquelle

Blei ist schon in stabiler Form ein bekanntes Umweltgift, das Nervensystem, Nieren und Blutbildung schädigt. Die beim Radonzerfall entstehenden radioaktiven Isotope wie Blei‑214 und Blei‑210 sind doppelt gefährlich: Sie vereinen die toxische Wirkung des Schwermetalls mit der Dauerbestrahlung durch ihren Zerfall.

Ablagerung und Langzeiteffekte: Radioaktive Bleiverbindungen lagern sich bevorzugt in den Knochen ein und können dort über lange Zeit verbleiben. Das Knochenmark wird so chronisch bestrahlt – das Risiko für Krebs und hämatologische Störungen steigt.

Bismut – unterschätztes Bindeglied der Zerfallskette

Die radioaktiven Bismut-Isotope Bismut‑214 und Bismut‑210 sind entscheidende Zwischenstufen der Radon-Zerfallsreihe. Sie zerfallen weiter zu Polonium- bzw. Blei-Isotopen und geben dabei ihrerseits Strahlung ab.

Hohe Dosis in kurzer Zeit: Gerade kurzlebige Bismut-Isotope können in kurzer Zeit viel Strahlung freisetzen. Befinden sich die Partikel im Lungengewebe, trifft diese Dosis direkt empfindliche Zellverbände und fördert mutagene Veränderungen.

Unsichtbare Gefahr in der Lunge

Während Radon als Gas entweicht, bleiben seine festen Zerfallsprodukte zurück. Sie haften auf den Zilien der Atemwege, werden in die Alveolen transportiert und können dort über längere Zeiträume verbleiben. Jede Partikelablagerung wirkt wie eine punktuelle Strahlenquelle – wiederholte „Mikrotreffer“ auf das Erbgut erhöhen die Wahrscheinlichkeit für irreparable DNA-Schäden und somit für Lungenkrebs.

Das besonders Tückische: Dieser Prozess verläuft lautlos und schmerzlos. Jahre später werden die Folgen sichtbar, wenn sich krankhafte Veränderungen manifestieren. Die Risikodynamik wird dadurch unterschätzt – vor allem, wenn Zerfallsprodukte aus radonhaltigen „Heilquellen“ eingeatmet werden.

Tradition und Pathos – wenn Geschichte die Risiken übertönt

In den Regionen, in denen radonhaltige Heilquellen wirtschaftlich von großer Bedeutung sind, wird ihre Vermarktung seit Jahrzehnten mit viel Pathos und Geschichte betrieben. Broschüren und Webseiten klingen oft wie aus einem Werbekatalog: „Schon die alten Römer wussten die Kraft des Wassers zu schätzen“ – ein Satz, der sich fast überall findet. Der Verweis auf Tradition, historische Badehäuser und jahrhundertealte Kurkultur soll Vertrauen schaffen und den Eindruck erwecken, dass etwas, das so lange genutzt wurde, harmlos oder gar segensreich sein müsse.

Doch was in den Hochglanzprospekten kaum Platz findet, sind die wissenschaftlich belegten Risiken. Auf die radioaktiven Zerfallsprodukte, die beim Einatmen in der Lunge verbleiben und dort Alphastrahlen freisetzen, wird nur selten oder gar nicht eingegangen. Stattdessen wird eine romantische Erzählung gepflegt: Heilendes Gestein, mystische Bergstollen, wohltuendes Thermalwasser.

Die Wahrheit ist: Hinter den Kulissen spielen ökonomische Interessen eine zentrale Rolle. Ganze Kurorte, Hotels und Gesundheitsbetriebe leben von dieser Form der Vermarktung. Würde die radonhaltige „Heilquelle“ in erster Linie als gesundheitliches Risiko dargestellt, würde ein ganzer Wirtschaftszweig ins Wanken geraten. So wird die wissenschaftliche Realität zugunsten von Tradition, Hoffnung und Umsatz häufig verdrängt oder bewusst klein gehalten.

Meine Meinung

Radon ist ein Edelgas, das durch seinen instabilen Kern unweigerlich zerfällt. Seine Halbwertszeit bestimmt, wie lange es in der Umwelt wirksam bleibt, und seine Zerfallsprodukte sind die eigentlichen Verursacher schwerer Gesundheitsschäden. Die Nutzung natürlicher Radonquellen als Heilmittel zeigt, wie groß die Verzweiflung vieler Betroffener mit chronischen Schmerzen ist – und wie sehr der Wunsch nach Linderung manchmal dazu führt, Risiken in Kauf zu nehmen.

Doch so verständlich diese Hoffnung ist: Radon ist und bleibt ein krebserregendes radioaktives Gas. Kurzfristige Erleichterung darf nicht als Beweis für eine gefahrlose Therapie missverstanden werden. Wer Radontherapien erwägt, sollte sich der Risiken bewusst sein und keine falschen Versprechen erwarten. Medizinisch gesicherte und risikoärmere Behandlungswege sollten stets im Vordergrund stehen.

Quelllen und Studien

  • Robertson, A., Irwin, D. & Guo, L. (2013) The Cellular and Molecular Carcinogenic Effects of Radon, International Journal of Molecular Sciences.
    Übersicht zu den molekularen Mechanismen, wie Radon und seine Zerfallsprodukte Krebs auslösen. Zum Artikel
  • Ruano-Ravina, A., et al. (2023) ‘An overview on the relationship between residential radon and health outcomes’.
    Zusammenfassung internationaler Studien zur Radonbelastung in Wohnhäusern und deren Folgen für die öffentliche Gesundheit. Zum Artikel
  • Eidy, M. (2024) ‘Radon Toxicity’, StatPearls [Internet].
    Lehrbuchartikel, der Radon als zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs beschreibt, insbesondere bei Nichtrauchern. Zum Artikel
  • Ngoc, L.T.N., et al. (2022) ‘Human Health Impacts of Residential Radon Exposure’, International Journal of Environmental Research and Public Health.
    Studie, die WHO-Daten zitiert und Radon für 3–14 % aller Lungenkrebsfälle weltweit verantwortlich macht. Zum Artikel
  • Henyoh, A.M.S., et al. (2024) ‘Radon exposure and potential health effects other than lung cancer’, Frontiers in Public Health.
    Analysen aus Kohortenstudien bei Bergarbeitern; dokumentiert signifikant erhöhte Sterblichkeit durch Lungenkrebs. Zum Artikel
  • Madas, B.G., Balásházy, I., Farkas, Á. & Szőke, I. (2014) ‘Cellular burdens and biological effects on tissue level caused by inhaled radon progenies’, arXiv preprint.
    Computermodelle zeigen lokale Strahlendosen in Bronchien bis 1,5 Gy, was das Tumorwachstum im Atemtrakt erklärt. Zum Artikel
  • Komorowski, M.A. (2023) ‘Radon and Neoplasms’, Toxics.
    Unterstützt das lineare No-Threshold-Modell (LNT): selbst kleinste Radonmengen erhöhen proportional das Krebsrisiko. Zum Artikel

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