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Hildegard von Bingen wurde 1098 in Bermersheim vor der Höhe geboren, in eine Welt, in der das Leben von Krankheit, früher Sterblichkeit und religiöser Ordnung bestimmt war.

Schwarze Silhouette einer Nonne im Kräuterklostergarten vor einem Farbverlauf in Blau, Violett, Magenta und Orange. Text im Bild: „Hildegard von Bingen“ und „Zwischen Glauben, Wissen und innerer Stimme“.
Hildegard von Bingen – Zwischen Glauben, Wissen und innerer Stimme

Als zehntes Kind einer adligen Familie galt sie als sogenanntes „Zehntopfer“ und wurde schon früh für ein Leben im Dienst der Kirche bestimmt.

Dieses frühe Herausgelöstwerden aus der Familie prägte sie nachhaltig. Hildegard war ein sensibles, oft kränkliches Kind, körperlich schwach, innerlich jedoch wach und aufmerksam.

Jutta von Sponheim und das frühe Lernen im Schweigen

Im Alter von etwa acht Jahren kam sie zu Jutta von Sponheim, einer jungen Adligen, die sich als Einsiedlerin dem klösterlichen Leben verschrieben hatte. Jutta unterrichtete Hildegard im Lesen der lateinischen Psalmen, im Singen, im Gebet und in der strengen Ordnung des Tagesablaufs. Das Leben war asketisch, ruhig, geprägt von Schweigen und Wiederholung. Gerade diese Struktur schuf für Hildegard einen Raum der inneren Beobachtung. Hier lernte sie, genau hinzusehen – nach innen wie nach außen.

Schon in dieser frühen Zeit erlebte Hildegard Visionen: Bilder von Licht, Bewegungen, Zusammenhängen. Sie beschrieb später, dass sie diese Wahrnehmungen nicht mit den Augen, sondern „mit dem inneren Sehen“ empfing – bei vollem Bewusstsein, ohne Ekstase. Doch sie schwieg lange darüber. Sie fürchtete, missverstanden zu werden, und zweifelte selbst an sich. Erst Jahrzehnte später, schwer erkrankt und innerlich zerrissen, begann sie auf Drängen ihres Beichtvaters Volmar, diese Erfahrungen aufzuschreiben.

Äbtissin wider Willen: Verantwortung statt Rang

Nach dem Tod Juttas im Jahr 1136 wurde Hildegard zur Leiterin der Frauengemeinschaft gewählt. Diese Rolle war für sie kein Machtgewinn, sondern eine Verantwortung, die sie ernst nahm. Sie setzte sich für bessere Lebensbedingungen der Nonnen ein und wagte schließlich einen ungewöhnlichen Schritt: die Gründung eines eigenen Klosters auf dem Rupertsberg bei Bingen. Dieser Schritt bedeutete einen offenen Konflikt mit der bisherigen geistlichen Leitung – und zeigt Hildegards Durchsetzungsfähigkeit. Sie war fromm, aber nicht gefügig.

Im Kloster entwickelte sich ihr gesamtes Werk. Hier schrieb sie ihre großen theologischen Visionstexte, hier entstanden ihre naturkundlichen und medizinischen Schriften, hier komponierte sie ihre Musik. Hildegard war keine Gelehrte im modernen Sinn, aber eine präzise Beobachterin. Sie sammelte Wissen aus dem klösterlichen Alltag: aus der Pflege Kranker, aus dem Umgang mit Pflanzen, aus Gesprächen, aus jahrelanger Erfahrung. Ihre Texte über Heilpflanzen, Ernährung und Krankheiten entstanden aus dieser Praxis.

Schreiben, Heilen, Komponieren: Arbeit aus dem Alltag heraus

Besonders konkret war ihr Blick auf den menschlichen Körper. Sie beschrieb Verdauungsprobleme, Schmerzen, Schwäche, Melancholie, Schlaflosigkeit – nicht abstrakt, sondern lebensnah. Sie wusste, wie sehr Armut, Erschöpfung und Angst den Körper belasten. Gleichzeitig sah sie den Menschen nie nur als „Kranken“, sondern immer als Ganzes: mit Gewohnheiten, Gefühlen, Beziehungen. Ihre Medizin war deshalb zugleich körperlich und seelisch.

Hildegard war zudem erstaunlich öffentlich. Sie reiste durch das Reich, predigte in Kirchen und auf Marktplätzen – etwas nahezu Unerhörtes für eine Frau ihrer Zeit. Sie schrieb Briefe an Kaiser Friedrich Barbarossa, an Päpste, Bischöfe und Äbte. Darin war sie klar, manchmal scharf, aber nie selbstgerecht. Sie mahnte Verantwortung an, nicht Gehorsam. Wahrheit war für sie wichtiger als Harmonie.

Ein langes Leben, ein langer Nachhall

Ihre Musik entstand nicht als Kunstwerk für Aufführungen, sondern als Ausdruck innerer Ordnung. Die Melodien sind weit gespannt, fast schwerelos, und verlangen den Sängerinnen viel ab. Sie spiegeln Hildegards Vorstellung einer Welt, die durch Klang zusammengehalten wird – einer Schöpfung, in der alles miteinander verbunden ist.

Hildegard starb 1179 im Alter von etwa 81 Jahren. Für ihre Zeit war das außergewöhnlich. Ihr Tod bedeutete nicht das Ende ihres Einflusses. Ihre Schriften wurden kopiert, weitergegeben, diskutiert. Doch erst viele Jahrhunderte später begann man, sie in ihrer ganzen Breite zu würdigen – nicht nur als Mystikerin, sondern auch als Denkerin, Beobachterin und eigenständige Stimme. 2012 wurde sie zur Kirchenlehrerin erhoben – als eine von nur wenigen Frauen.

Was Hildegard von Bingen bis heute so nahbar macht, ist ihre Bodenhaftung. Sie sprach über hohe geistige Dinge, ohne den Alltag zu vergessen. Sie dachte groß, aber blieb konkret. Ihr Leben zeigt, dass Tiefe nicht im Abgehobenen entsteht, sondern im genauen Hinsehen: auf den Menschen, seine Schwächen, seine Kräfte und seine Sehnsucht nach Ordnung.

Gerade deshalb wirkt Hildegard heute so modern. Nicht, weil sie Antworten liefert, die man einfach übernehmen kann, sondern weil sie eine Haltung vorlebt: aufmerksam, verantwortungsvoll, dem Leben zugewandt. Und vielleicht liegt genau darin ihre anhaltende Bedeutung.

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