Die Klostermedizin der Hildegard von Bingen
Wenn Hildegard von Bingen über Heilung sprach, meinte sie ganz praktische Dinge des Alltags. Ihre Klostermedizin entstand nicht am Schreibtisch, sondern im täglichen Umgang mit kranken, erschöpften und leidenden Menschen. Sie beobachtete, was stärkt und was schwächt – beim Essen, beim Arbeiten, beim Schlafen und im inneren Zustand eines Menschen.
Eine zentrale Rolle spielte die Ernährung. Hildegard war überzeugt, dass Nahrung entweder Ordnung im Körper schafft oder sie weiter stört. Sie empfahl einfache, gut verdauliche Kost, warm zubereitet und maßvoll genossen. Dinkel nahm dabei eine besondere Stellung ein, weil sie ihn als besonders bekömmlich und kräftigend ansah. Auch Fenchel, Galgant oder Bertram tauchen in ihren Schriften immer wieder auf – nicht als Wundermittel, sondern als Unterstützung für Verdauung, Wärmehaushalt und innere Stabilität.
Ebenso wichtig war für sie der Umgang mit Kräutern. Hildegard beschrieb sehr genau, welche Pflanzen wärmend, kühlend, trocknend oder befeuchtend wirken. Sie wusste, dass nicht jedes Kraut für jeden Menschen geeignet ist. Ein geschwächter, frierender Mensch brauchte etwas anderes als jemand, der unter Hitze, Unruhe oder Entzündung litt. Diese individuelle Betrachtung war für ihre Zeit ungewöhnlich – und macht ihre Medizin bis heute anschlussfähig.
Auch Rhythmus und Maß waren für Hildegard konkrete Heilmittel. Sie riet zu festen Zeiten für Arbeit und Ruhe, zu ausreichend Schlaf und zu einem Wechsel von Anspannung und Entlastung. Dauerhafte Überforderung betrachtete sie als krankmachend – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Wer ständig gegen den eigenen Rhythmus lebt, so ihre Überzeugung, schwächt die innere Ordnung.
Bemerkenswert klar war ihr Blick auf die Seele. Hildegard beschrieb, dass anhaltende Angst, Zorn, Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit den Körper krank machen können. Nicht als moralisches Versagen, sondern als Folge innerer Erschöpfung. Deshalb gehörten für sie Gespräch, Trost, Gebet und Musik zur Heilung dazu. Nicht jeder Schmerz lasse sich „wegbehandeln“, aber er könne gelindert werden, wenn ein Mensch sich gesehen und verstanden fühlt.
Schließlich verstand Hildegard Medizin immer als Begleitung, nicht als Kontrolle. Der Mensch sollte lernen, die Zeichen seines Körpers zu deuten. Müdigkeit war für sie kein Feind, sondern ein Hinweis. Schmerz kein Makel, sondern ein Signal. Ihre Klostermedizin wollte nicht reparieren, sondern wieder in Einklang bringen.
Gerade diese Konkretheit macht Hildegards Ansatz bis heute so nah. Er verspricht keine schnellen Lösungen, sondern lädt ein, genauer hinzusehen: auf den eigenen Körper, den Alltag und das, was Kraft gibt – oder sie langsam nimmt.
Weihrauch ist in der Vorstellung vieler Menschen vor allem Duft, Ritual und Kirche. In der Klostermedizin jedoch war er mehr: ein Harz, dem man eine ordnende, klärende und beruhigende Wirkung zuschrieb.
Hildegard von Bingen dachte Heilung nie als schnellen Griff nach einem Mittel, sondern als Rückkehr zu einer inneren Ordnung. Gerade deshalb passt Weihrauch in ihr Denken so gut – nicht als Wunder, sondern als leise Hilfe, wenn im Inneren „zu viel“ ist: zu viel Hitze, zu viel Unruhe, zu viel Überschuss.
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- Geschrieben von: Mazin Shanyoor, Visite-Medizin






