Autor: Mazin Shanyoor
Es gibt Schmerzen, die man aushält, weil man sie kennt, und solche, die das Leben für Stunden oder Tage in eine einzige, enge Linie verwandeln. Eine Migräneattacke gehört zu diesen eruptiven, überwältigenden Erfahrungen. Sie trifft nicht wie ein Kopfschmerz, der sich langsam aufbaut und ebenso langsam wieder abzieht.
Sie kommt wie ein Bruch – ein Riss in der eigenen Wahrnehmung, ein Moment, in dem das Gehirn die Prioritäten verschiebt und jede andere Funktion nur noch Nebensache ist.
Manchmal kündigt sie sich an, als wäre sie ein Schatten am Rand des Blickfelds: ein leichtes Flackern, ein Gefühl im Kopf, das sich nicht erklären lässt, ein diffuses Frösteln im Inneren, als wäre etwas im Anmarsch, das größer ist als man selbst. Und manchmal trifft sie wie ein Hammerschlag, ohne Vorwarnung, mitten in einem Satz, einer Bewegung, einem Atemzug. Plötzlich wird der Körper starr, der Kopf schwer, und die Welt verliert ihre Konturen.
In diesem Moment bleibt nur noch der Schmerz und der Wunsch, alles auszuschalten – das Licht, das Geräusch, die Bewegung, das Denken. Migräne ist nicht ein Teil des Lebens, der sich irgendwie einfügt. Sie ist etwas, das die Welt für eine Weile anhält und sagt: Jetzt geht gar nichts mehr.
Was Migräne wirklich bedeutet
Migräne ist keine Verstärkung eines gewöhnlichen Kopfschmerzes. Sie ist das Resultat einer neurologischen Überlastung, bei der bestimmte Bereiche des Gehirns gleichzeitig überaktiv und überempfindlich reagieren. Es ist ein Zustand, in dem Nervenzellen feuern, obwohl sie Ruhe bräuchten, in dem Blutgefäße sich verengen oder weiten, in dem Schmerzbotenstoffe ausgeschüttet werden, die den Körper an seine Grenzen bringen.
Viele Betroffene beschreiben, wie der Schmerz selbst zu einer Art Präsenz wird. Er sitzt nicht an einer Stelle, sondern er ist überall. Er pulsiert in Wellen, schickt Druck nach vorne, zieht nach hinten, bohrt sich über das Auge, hämmert hinter dem Ohr, kriecht in den Nacken. Er ist gleichzeitig dumpf und scharf, gleichzeitig pochend und stechend, gleichzeitig nah und weit.
Und dann sind da die Begleitsymptome, die die Attacke zu einer Gesamterfahrung machen. Die starke Übelkeit, die den Magen schützt, indem er rebelliert. Die Geräusche, die sich anhören wie Störungen in einer Lautsprecherbox, die direkt im Kopf platziert wurde. Das Licht, das bricht und flimmert und brennt, als wäre der Blick selbst wund. Die Gerüche, die plötzlich zu intensiv werden, als ob der Körper jedes Detail stärker wahrnehmen würde, als wäre der Filter für Reize ausgefallen.
Viele erleben auch den Zerfall der Wahrnehmung: Linien, die sich biegen, Buchstaben, die verschwimmen, flackernde Lichtmuster, die vor den Augen tanzen, und ein Denken, das sich anfühlt, als würde man durch Watte sprechen wollen. Sätze lassen sich schwerer formen, Entscheidungen dauern länger, und selbst einfache Gedankengänge kosten unverhältnismäßig viel Kraft. Diese Symptome sind nicht eingebildet, sondern Ausdruck eines Gehirns, das überlastet ist und sich mit allen Mitteln wehrt.
Wenn der Körper den Stecker zieht
Migräne bringt den Körper an einen Punkt, an dem er stoppt. Nicht aus Unwillen, sondern aus Schutz. Es ist, als würde das Gehirn sagen: Ich kann diese Flut an Reizen nicht mehr verarbeiten, ich muss alles andere abschalten. Plötzlich wird das, was eben noch selbstverständlich war, unvorstellbar schwer. Der Weg vom Sofa zur Küche fühlt sich an wie ein Berganstieg. Das Lesen einer Nachricht wirkt so komplex wie eine komplizierte Gleichung. Jede Geräuschquelle schneidet in den Kopf. Jede Bewegung stört. Selbst der eigene Herzschlag dröhnt in den Ohren.
Im abgedunkelten Raum verändert sich das Zeitgefühl. Die Minuten verlieren Struktur. Du weißt nicht, ob fünf oder dreißig Minuten vergangen sind. Du liegst da und bewegst dich nicht, weil du gelernt hast, dass selbst die kleinste Regung neue Wellen auslösen kann. Der Körper ist nicht nur ausgeliefert, er ist überfordert. Und du bist mitten in diesem Ausnahmezustand – körperlich wach, aber geistig abgeschnitten von allem, was dich sonst trägt.
Diese erzwungene Pause fühlt sich nicht wie Erholung an, sondern wie Stillstand. Der Alltag läuft weiter, Nachrichten kommen an, Fristen vergehen, die Welt dreht sich fort – und du kannst nur warten, bis der Sturm im Kopf nachlässt. Dieses Warten ist anstrengend, weil es keinen festen Endpunkt gibt. Migräne sagt dir nicht, wie lange sie bleibt. Sie nimmt sich die Zeit, die sie braucht.
Die unsichtbare Krankheit – wenn man dir nichts ansieht
Die Unsichtbarkeit der Migräne ist für viele Betroffene eine der schwersten Belastungen überhaupt. Es ist das paradoxe Gefühl, dass im Inneren ein Sturm tobt, der so heftig ist, dass er eigentlich die Welt mitreißen müsste – und dennoch sieht man dir von außen nichts an. Dein Gesicht ist unverändert, deine Haut ist normal, du hast keine Schwellung, keine Wunde, keine sichtbare Einschränkung. Du siehst nicht so aus, wie du dich fühlst.
Diese Diskrepanz zwischen Innen und Außen erzeugt eine Form von Einsamkeit, die kaum jemand versteht, der es nicht selbst erlebt hat. Du liegst in einem dunklen Raum, weil dein Kopf jede Form von Licht ablehnt, und gleichzeitig weißt du, dass die Welt da draußen sich kaum vorstellen kann, wie sehr dich dieses Licht verletzen kann. Menschen sehen dich vielleicht am Rand einer Attacke – erschöpft, ja, aber äußerlich stabil – und schließen daraus, dass du einen schlechten Tag hast. Sie ahnen nicht, dass dein Nervensystem sich gerade gegen jede Form von Reiz zur Wehr setzt.
Es ist schwer, anderen zu erklären, wie sich Migräne anfühlt. Viele Betroffene suchen nach Bildern und Vergleichen, um das Unsichtbare greifbar zu machen. Manche sagen, der Schmerz sei wie ein Schraubstock, der den Kopf zusammendrückt. Andere sprechen von einem heißen Metallstab, der durch das Auge gestoßen wird. Wieder andere beschreiben ein inneres Beben, bei dem jede Bewegung, jedes Wort, jeder Atemzug etwas in ihnen erschüttert. Doch egal, wie eindrücklich du es erklärst: Wer es nicht erlebt hat, kann die Wucht der Realität nur erahnen.
Diese Unsichtbarkeit führt häufig dazu, dass die Erkrankung unterschätzt wird. Du hörst Sätze, die dich treffen, obwohl sie vielleicht nicht böse gemeint sind. Es wird gesagt, du seist empfindlich, du müsstest dich zusammenreißen, du solltest trotzdem kommen oder wenigstens kurz vorbeischauen. Solche Aussagen tun weh, weil sie suggerieren, Migräne sei eine Frage der Willenskraft und nicht das Ergebnis einer neurologischen Überlastung.
Viele Betroffene entwickeln mit der Zeit eine Art Doppelleben. Nach außen hin wirken sie kontrolliert, ruhig, funktionieren oft sogar dann noch, wenn der Kopf längst protestiert. Innerlich versuchen sie, den Schmerz zu bändigen, den Körper unter Kontrolle zu halten, die Attacke irgendwie zu verschieben. Sie arbeiten weiter, obwohl sie eigentlich Ruhe bräuchten, gehen zu Terminen, obwohl jeder Schritt schwerfällt, und bleiben in Gesprächen, obwohl jedes Wort zu viel ist. Dieser innere Druck, immer funktionieren zu wollen oder zu müssen, kann genauso zerstörerisch sein wie die Attacke selbst.
Das Schlimmste an der Unsichtbarkeit ist vielleicht nicht einmal das fehlende Verständnis von außen, sondern der innere Konflikt, den sie auslöst. Du weißt, wie schlecht es dir geht, aber du siehst gleichzeitig ein Gesicht im Spiegel, das nicht krank aussieht. Manchmal führt das dazu, dass du selbst zu zweifeln beginnst – nicht an der Migräne, sondern daran, ob du das Recht hast, auszusteigen, nein zu sagen, Hilfe zu brauchen. Genau hier ist es wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen: Migräne ist eine der unsichtbarsten und zugleich schwerwiegendsten neurologischen Erkrankungen. Sie verdient es, ernst genommen zu werden, auch wenn sie sich nicht auf der Haut zeigt.
Schuldgefühle, Versagensangst und der innere Druck
Migräne ist eine Erkrankung, die selten zu einem günstigen Zeitpunkt auftritt. Sie bricht in Verpflichtungen hinein, in Situationen, in denen du gebraucht wirst, in Tage, an denen du eigentlich funktionieren musst. Das erzeugt Schuldgefühle, die oft stärker sind als einige körperliche Symptome. Du fühlst dich verantwortlich für alles, was du durch deine Abwesenheit vermeintlich auslöst: für das misslungene Treffen, die verschobene Aufgabe, die enttäuschten Gesichter oder die genervten Nachfragen.
Viele Menschen mit Migräne beschreiben diesen inneren Dialog sehr deutlich. Am Anfang einer Attacke steht oft der Gedanke: Bitte nicht heute, nicht schon wieder. Doch kurz darauf folgt eine zweite Welle an Gedanken, die mindestens genauso schmerzhaft sein kann wie der körperliche Schmerz. Du fragst dich, wen du dieses Mal enttäuschst, welche Erwartungen du nicht erfüllst und welchen Eindruck andere von dir haben. Die Sorge, unzuverlässig zu wirken, schwach zu erscheinen oder auf Unverständnis zu stoßen, ist eine zusätzliche Last, die du mit dir trägst.
Objektiv gesehen ist klar: Niemand wählt Migräne. Kein Mensch entscheidet sich freiwillig für Stunden im dunklen Zimmer, für Erbrechen, für Schwindel, für das Gefühl, dass der Kopf explodiert. Und doch vermitteln die Reaktionen der Umwelt manchmal das Gegenteil. Das kann dazu führen, dass Betroffene sich selbst noch stärker antreiben, Attacken so lange wie möglich ignorieren und dabei weit über ihre Belastungsgrenze hinausgehen. Am Ende bezahlen sie dafür oft mit noch heftigeren oder längeren Schüben.
Hinzu kommt die Angst vor der Zukunft. Wenn du weißt, wie mächtig eine Migräneattacke dein Leben durcheinanderbringen kann, entsteht leicht eine ständige innere Wachsamkeit. Du planst weniger spontan, denkst deine Zusagen immer mit einem stummen „wenn es geht“ im Hinterkopf, und lebst mit dem Gefühl, dass ein Teil deiner Freiheit an diese Erkrankung gebunden ist. Dieses Gefühl der Unsicherheit macht das Leben enger, vorsichtiger und manchmal auch einsamer.
Leben zwischen den Attacken – der Alltag im Schatten der Migräne
Migräne ist nicht nur in dem Moment präsent, in dem der Schmerz tobt. Sie prägt auch die Zeit vor und nach den Attacken. Viele Menschen leben mit einem stillen Alarmgefühl. Der Körper wird beobachtet wie ein empfindliches Instrument. Eine Verspannung im Nacken, ein unruhiger Schlaf, ein hormoneller Wechsel, ein sehr stressiger Tag – all das wird registriert und mit der Frage verbunden, ob es ein möglicher Auslöser sein könnte.
Dieses ständige Scannen des eigenen Zustands ist anstrengend. Manche Menschen planen ihre Tage nicht nur nach Terminen, sondern auch nach Wahrscheinlichkeiten. Ein lauter Abend, eine Feier, eine Reise oder ein sehr anspruchsvoller Arbeitstag können Freude machen, aber sie tragen immer auch das Risiko in sich, dass danach eine Attacke folgt. So entsteht eine Art innerer Verhandlung: Wie viel Genuss ist „es wert“, wenn dafür möglicherweise ein Tag im dunklen Zimmer folgt?
Besonders belastend ist die Phase nach der Attacke, die sogenannte Postdrom-Phase. Der starke Schmerz ist vorbei, doch der Körper fühlt sich ausgelaugt an, beinahe leer. Viele Betroffene berichten, dass sie sich fühlen, als wären sie innerlich „verbraucht“. Der Kopf ist empfindlich, die Konzentration schwach, die Reizschwelle niedrig. Es ist, als hätte das Nervensystem in der Attacke all seine Reserven aufgebraucht und müsste nun mühsam wieder zur Ruhe kommen.
Diese Phase wird von Außenstehenden oft übersehen. Man erwartet, dass mit dem Ende des Schmerzes auch der normale Alltag sofort wieder einsetzt. Doch die Wahrheit ist: Der Körper braucht Zeit, um sich zu stabilisieren, und die Seele oft ebenso. Die Angst vor dem nächsten Schub sitzt im Hintergrund, selbst an Tagen, an denen es dir vergleichsweise gut geht.
Beziehung, Familie, Arbeit – wenn die Migräne mit am Tisch sitzt
Migräne betrifft niemals nur den Kopf allein. Sie wirkt in Beziehungen, in Familien und im beruflichen Umfeld nach. Partnerinnen und Partner stehen vor der Aufgabe, etwas zu begleiten, das sie nicht sehen und nicht fühlen können. Sie erleben, wie du dich zurückziehst, wie du den Raum abdunkelst, wie du plötzlich schweigsam wirst und Aufgaben nicht mehr übernehmen kannst. Sie bekommen die Folgen mit, aber nicht die ganze Realität des Schmerzes. Das kann zu Missverständnissen führen, die niemand wirklich will.
Für Kinder ist es besonders schwer, wenn ein Elternteil immer wieder ausfällt. Sie sehen die dunklen Räume, die geschlossenen Türen, die leisen Stimmen, und sie verstehen nur bedingt, warum das so ist. Es braucht Worte und Erklärungen, um ihnen zu vermitteln, dass diese Erkrankung nichts mit ihnen zu tun hat, dass sie nicht schuld sind und dass Liebe und Zuwendung trotzdem da sind, auch wenn du im Moment nicht mit ihnen spielen oder etwas unternehmen kannst.
Im Beruf entsteht ein Spannungsfeld zwischen Leistungsanspruch und Erkrankung. Du möchtest verlässlich sein, möchtest deine Aufgaben erfüllen, möchtest nicht als „Problem“ wahrgenommen werden. Gleichzeitig weißt du, dass du nicht immer steuern kannst, wann eine Attacke dich aus der Bahn wirft. Manche versuchen, trotz Migräne zu arbeiten, über ihre Grenzen zu gehen und ihre Symptome zu verstecken. Langfristig führt das oft zu einer zusätzlichen inneren Erschöpfung.
All das zeigt: Migräne ist kein isoliertes Phänomen, sondern ein Teil deines Lebens, der in vielen Bereichen mit am Tisch sitzt, auch wenn niemand sie eingeladen hat.
Umgang mit dir selbst – das Recht auf Rückzug und Selbstfürsorge
Migräne zwingt dazu, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen. Selbstfürsorge ist in diesem Zusammenhang kein Wellness-Begriff, sondern ein notwendiger Schutzmechanismus. Rückzug bedeutet nicht, dass du aufgibst. Er bedeutet, dass du dein Nervensystem vor weiterer Überlastung schützt. Medikamente einzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Entscheidung für deinen Körper. „Nein“ zu sagen ist in diesem Zusammenhang kein Egoismus, sondern ein Ausdruck von Verantwortung – dir selbst und anderen gegenüber.
Viele Menschen mit Migräne kämpfen genau mit diesen Punkten. Sie fragen sich, ob sie „übertreiben“, ob sie „zu viel Rücksicht“ auf sich nehmen, ob sie andere enttäuschen. Doch je konsequenter du lernst, deine Signale zu erkennen und ernst zu nehmen, desto eher kannst du die Eskalation einer Attacke begrenzen. Du gewinnst damit nicht die Kontrolle über die Erkrankung, aber du holst dir ein Stück Handlungsfähigkeit zurück.
Es ist ein Akt der Selbstachtung, wenn du deine Schmerzen ernst nimmst und ihnen nicht erst dann Beachtung schenkst, wenn gar nichts mehr geht. Migräne lehrt auf schmerzhafte Weise, dass der Körper nicht beliebig belastbar ist – und dass Fürsorge für dich selbst kein Luxus, sondern ein Recht ist.
Migräne ist real – und du bist nicht allein
Migräne nimmt dir vielleicht Stunden oder Tage. Sie nimmt dir Pläne, Sicherheit und manchmal auch das Vertrauen in deinen Körper. Aber sie nimmt dir nicht deinen Wert. Du bist nicht schwach, nicht empfindlich und nicht kompliziert. Du bist ein Mensch, der mit einer unsichtbaren, aber mächtigen Erkrankung lebt – und der jeden Tag mehr leistet, als andere sehen können.
In den Stunden der Dunkelheit, in denen du dich zurückziehst, bist du nicht verschwunden. Du bist da, mit all deiner Geschichte, deiner Stärke, deiner Verletzlichkeit und deinem Recht, ernst genommen zu werden. Es gibt viele andere Menschen, die ähnliches erleben, auch wenn sie es nicht laut aussprechen. Du bist mit dieser Erfahrung nicht allein, auch wenn sie sich manchmal genau so anfühlt.
Migräne ist real. Sie gehört zu den Erkrankungen, die ein Leben tief prägen können. Und gerade deshalb verdient sie Aufmerksamkeit, Verständnis und Respekt – von der Umgebung, aber vor allem auch von dir selbst.






