Warum man nicht einfach sagen kann: „Ich werde geschlagen in meiner Beziehung“ – und was dieses Schweigen mit Menschen macht. Es beginnt nicht mit einem Schlag, sondern mit einem inneren Rückzug!
Man stellt sich Gewalt oft wie eine Szene vor. Ein klarer Moment, ein klarer Täter, ein klarer Bruch. Etwas, das so eindeutig ist, dass es keinen Zweifel mehr geben kann. Etwas, das automatisch Hilfe auslöst, Empörung, Solidarität, ein Eingreifen.

Aber in Beziehungen ist Gewalt selten eine einzelne Szene. Sie ist häufiger ein Klima. Ein Klima, das sich unmerklich in den Alltag legt, bis die Luft darin nicht mehr frei ist.
Viele Betroffene erzählen nicht zuerst von Schlägen. Sie erzählen von dem Moment, in dem sie begonnen haben, weniger zu sagen. Nicht, weil sie nichts mehr zu sagen hatten. Sondern weil jedes Wort plötzlich Folgen haben konnte. Ein falscher Ton, ein Blick zur falschen Zeit, eine nicht schnell genug beantwortete Frage, ein Satz, der nicht „richtig“ klang. So beginnt es: nicht mit einer Faust, sondern mit dem Gefühl, vorsichtig werden zu müssen. Mit dem inneren Rückzug, der sich so klein anfühlt, dass man ihn am Anfang für Anpassung hält.
Und dann passiert etwas Seltsames: Man gewöhnt sich an Vorsicht. Nicht, weil man sie gut findet. Sondern weil sie überlebenswichtig wirkt. Der Alltag wird zu einem Feld, in dem man ständig kleine Entscheidungen trifft, um Eskalation zu vermeiden. Diese Entscheidungen sehen von außen harmlos aus. Von innen sind sie ein permanenter Alarmzustand.
Genau dort beginnt die Scham. Nicht erst später. Nicht erst, wenn sichtbare Verletzungen da sind. Scham beginnt in dem Moment, in dem man merkt: Ich verhalte mich anders. Ich werde kleiner. Ich rede weniger. Ich erkläre mehr. Ich habe Angst – und ich tue so, als wäre alles normal.
Scham ist keine Nebensache – sie ist das unsichtbare Werkzeug der Gewalt
Scham hat eine besondere Grausamkeit. Sie macht nicht nur traurig oder unsicher. Sie greift das Selbst an. Sie verändert, wie man sich selbst sieht. Sie flüstert nicht nur: „Das ist mir passiert“, sondern: „Das sagt etwas über mich.“
Genau deshalb ist Scham in Gewaltbeziehungen so mächtig. Sie verschiebt den Fokus weg von der Verantwortung desjenigen, der Gewalt ausübt, hin zur Selbstbeurteilung der betroffenen Person. Und das passiert nicht auf einen Schlag. Es passiert in kleinen inneren Verrenkungen: Man sucht Gründe. Man sucht Erklärungen. Man sucht Entschuldigungen. Man sucht Fehler bei sich, weil es erträglicher ist, zu glauben, man könne es kontrollieren, als zu akzeptieren, dass man einem Risiko ausgeliefert ist.
Scham wird zu einer Art innerer Logik: Wenn ich es falsch mache, dann kann ich es vielleicht richtig machen. Wenn ich es provoziert habe, dann kann ich es vermeiden. Wenn ich „besser“ bin, wird es wieder gut. Diese Logik ist nicht naiv. Sie ist menschlich. Sie ist ein Versuch, Handlungsfähigkeit zu behalten.
Aber in Wahrheit ist diese Logik ein Teil der Fessel. Denn sie bindet Betroffene an die Idee, dass die Gewalt eine Antwort auf ihr Verhalten sei – und nicht die Entscheidung eines anderen Menschen.
Scham ist damit nicht nur Gefühl. Sie ist Struktur. Sie hält das System zusammen, in dem Gewalt möglich wird, ohne dass sie nach außen sichtbar werden muss.
Der Satz, der im Hals stecken bleibt: „Ich werde geschlagen“
Es gibt Sätze, die klingen wie eine Tür, die zufällt. „Ich werde geschlagen“ ist so ein Satz. Er ist nicht nur eine Information. Er ist ein Eingeständnis, das eine ganze Welt verändert. Denn wenn dieser Satz ausgesprochen wird, ist etwas nicht mehr zu retten, was man vielleicht retten wollte: das Bild von der Beziehung, die Hoffnung, die Erzählung, dass es „eigentlich“ gut sein könnte, dass es „nur“ eine Phase ist, dass man es „in den Griff“ bekommt.
Viele Betroffene tragen diesen Satz lange in sich, ohne ihn zu formen. Er bleibt ein Kloß aus Angst, aus Loyalität, aus Verwirrung. Ein Satz, der sich anfühlt wie Verrat. Nicht nur am Partner, sondern am eigenen Leben, am eigenen Urteil, an der eigenen Vergangenheit. Denn wer sagt „Ich werde geschlagen“, muss auch ertragen, was andere daraus machen: Fragen, Urteile, Ratschläge, Entsetzen, vielleicht sogar Unglauben.
Und da liegt etwas Brutales: Selbst wenn Gewalt eindeutig ist, wird die betroffene Person oft nicht nur als Mensch in Not gesehen, sondern auch als Mensch, der sich erklären soll. Warum bist du geblieben? Warum hast du nicht früher etwas gesagt? Warum hast du dir das gefallen lassen? Warum hast du ihn nicht verlassen?
Diese Fragen mögen aus Hilflosigkeit entstehen. Sie mögen aus dem Wunsch kommen, Ordnung in ein Chaos zu bringen. Aber sie treffen das Zentrum der Scham. Sie sprechen nicht mit dem Schmerz, sondern mit dem vermeintlichen Fehler.
So wird der Satz „Ich werde geschlagen“ nicht nur schwer, weil er etwas über Gewalt sagt, sondern weil er eine Kette von Reaktionen auslösen kann, die Betroffene erneut beschämen.
Liebe im selben Raum wie Angst: Die Zerrissenheit, die niemand sehen will
Für Außenstehende wirkt es oft unlogisch: Wie kann man jemanden lieben, der einem weh tut? Wie kann man bleiben, wenn man Angst hat? Wie kann man sich nach Nähe sehnen und gleichzeitig auf der Hut sein?
Doch menschliche Bindung funktioniert nicht wie ein Schalter. Sie ist kein sauberer Übergang von „gut“ zu „schlecht“. Beziehungen sind Erinnerung, Gewohnheit, Identität. Sie sind ein gemeinsames Haus, in dem man gelebt hat – und in dem man plötzlich nicht mehr sicher ist. Und man verlässt ein Haus nicht nur, weil es gefährlich wird. Man bleibt manchmal, weil man noch weiß, wie es einmal war. Weil man hofft, es könne wieder so werden. Weil man sich selbst nicht verlieren will, indem man alles aufgibt, was man aufgebaut hat.
Gewalt in Beziehungen ist deshalb so zerstörerisch, weil sie nicht nur den Körper oder die Seele trifft. Sie trifft die Bedeutung. Sie kontaminiert das, was einmal Geborgenheit war. Und gerade diese Kontamination erzeugt Scham. Denn Betroffene schämen sich oft nicht nur dafür, was ihnen angetan wird. Sie schämen sich dafür, dass sie noch Gefühle haben. Dass sie noch hoffen. Dass sie sich nach den guten Momenten sehnen. Dass sie den Menschen sehen, der „auch anders sein kann“.
Diese Ambivalenz ist kein Beweis von Schwäche. Sie ist ein Beweis dafür, wie sehr Menschen an Bindung festhalten, selbst wenn sie gefährlich wird. Und gerade weil das so schwer erklärbar ist, bleibt es oft unausgesprochen.
Wenn die Gewalt unsichtbar ist, wird das Sprechen fast unmöglich
Nicht jede Gewalt hinterlässt blaue Flecken. Und selbst wenn sie es tut, ist die sichtbare Verletzung oft nur die Spitze. Gewalt kann in Worten leben. In Blicken. In Kontrollen. In Verboten, die nie ausgesprochen werden und doch wirken. In Drohungen, die so formuliert sind, dass man sie nicht zitieren kann. In einem Tonfall, der alles vergiftet, ohne dass man ihn beweisen könnte.
Psychische Gewalt wirkt oft wie Nebel. Sie nimmt die Konturen. Sie macht unsicher. Sie frisst Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Und wenn man die eigene Wahrnehmung nicht mehr sicher fühlt, wie soll man dann jemand anderem davon erzählen?
Viele Betroffene versuchen es, und es klingt dann so: „Es ist schwierig.“ „Er wird schnell wütend.“ „Sie kann sehr kalt werden.“ „Man muss aufpassen, was man sagt.“ „Es ist nicht immer so.“ „Es ist auch viel gut.“
Diese Sätze sind keine Verharmlosung. Sie sind der Versuch, etwas zu beschreiben, das sich nicht in eine klare Geschichte pressen lässt. Aber unsere Gesellschaft liebt klare Geschichten. Opfer und Täter. Anfang und Ende. Beweis und Konsequenz. Wer das nicht liefern kann, fühlt sich schnell unglaubwürdig.
Und so entsteht eine zweite Scham: die Scham darüber, nicht „gut erzählen“ zu können, was passiert. Nicht „eindeutig genug“ zu sein. Nicht „dramatisch genug“, nicht „verletz genug“, nicht „überzeugend genug“. Als müsse man erst eine bestimmte Form erfüllen, um Hilfe zu verdienen.
Der Alltag als Tarnkappe: Funktionieren, lächeln, normal wirken
Viele Betroffene leben nach außen erstaunlich „normal“. Sie gehen zur Arbeit. Sie bringen Kinder in die Kita. Sie machen Termine. Sie antworten auf Nachrichten. Und gerade das macht es so schwer, verstanden zu werden. Denn wenn man funktioniert, wirkt man nicht wie jemand in Gefahr.
Aber Funktionieren ist nicht das Gegenteil von Leid. Funktionieren ist oft das Einzige, was noch möglich ist, weil der Rest sonst zusammenbrechen würde. Es ist eine Art innerer Disziplin: Wenn ich meinen Alltag aufrechterhalte, dann bin ich noch jemand. Dann bin ich nicht nur das, was mir passiert.
Diese Normalität ist eine Tarnkappe, die schützt – und gleichzeitig isoliert. Denn je normaler man wirkt, desto weniger Raum gibt es für das Unsagbare. Und irgendwann fragt man sich: Wenn niemand etwas merkt, liegt es dann vielleicht wirklich an mir?
So wird die Scham nicht nur durch Gewalt produziert, sondern auch durch das eigene Überleben. Man schämt sich dafür, dass man so gut darin ist, es zu verstecken. Und man schämt sich gleichzeitig dafür, dass man es überhaupt verstecken muss.
„Du musst doch nur gehen“ – die Härte der einfachen Sätze
Es gibt Sätze, die gut gemeint sind und dennoch wie ein Schlag wirken. „Dann geh doch.“ „Du musst das nicht aushalten.“ „Wenn es so schlimm ist, warum bleibst du?“ „Das würde ich mir nie gefallen lassen.“
Diese Sätze sind oft der Ausdruck von Hilflosigkeit. Aber sie tragen eine Botschaft in sich, die Betroffene sofort hören: Du bist verantwortlich dafür, dass es weitergeht. Du kannst es beenden, also liegt es an dir.
Und das trifft genau den Kern der Gewaltlogik, die viele Betroffene längst verinnerlicht haben: dass sie „es“ irgendwie steuern müssten, verhindern müssten, besser machen müssten. Einfache Sätze sind in solchen Situationen nicht entlastend. Sie sind beschämend. Sie machen das Problem kleiner und die betroffene Person schuldiger.
Gehen ist selten nur ein Schritt. Es ist oft der Verlust einer Wohnung, einer finanziellen Grundlage, eines sozialen Umfelds, eines Sicherheitsgefühls. Es kann bedeuten, Kinder aus ihrem Alltag zu reißen oder sie in einem Konflikt zu exponieren, der jahrelang nachwirkt. Es kann bedeuten, dass Drohungen real werden. Es kann bedeuten, dass man sich selbst nicht wiedererkennt, weil man plötzlich jemand ist, der „so etwas erlebt“.
Und manchmal ist es nicht einmal die Frage, ob man gehen „könnte“, sondern ob man innerlich schon glauben darf, dass man gehen darf.
Die Scham der Angehörigen: Wenn man zusieht und nicht weiß, was man tun soll
Auch Angehörige tragen Scham. Eine andere, aber echte. Die Scham, nicht geholfen zu haben. Die Scham, nichts gemerkt zu haben. Die Scham, etwas geahnt zu haben und geschwiegen zu haben, weil man keinen Streit wollte oder weil man Angst hatte, sich einzumischen. Die Scham, die eigenen Grenzen zu spüren: Ich kann dich nicht retten.
Viele Angehörige schwanken zwischen Aktionismus und Rückzug. Zwischen Drängen und Schweigen. Zwischen „Sag doch endlich was“ und „Ich will dich nicht verlieren“. Und oft reagieren sie aus genau derselben Angst, die Betroffene in sich tragen: Angst vor Eskalation, Angst vor Zerstörung, Angst vor Konsequenzen.
Das Tragische ist: Beide Seiten können sich dann gegenseitig verletzen, obwohl sie sich lieben. Angehörige drücken, weil sie die Gefahr spüren. Betroffene ziehen sich zurück, weil Druck wie Kontrolle wirkt. Angehörige werden wütend, weil sie sich machtlos fühlen. Betroffene schämen sich noch mehr, weil Wut sich wie Urteil anfühlt.
So entsteht ein Kreis, in dem alle leiden – und die Gewalt im Zentrum bleibt unangetastet.
Gewalt zerstört nicht nur Sicherheit, sondern das Gefühl, ein Mensch mit Würde zu sein
Es gibt eine Form von Schmerz, die nicht nur weh tut, sondern die Identität frisst. Gewalt in Beziehungen tut genau das. Sie greift das Fundament an, auf dem Menschen sich selbst erleben: Würde, Autonomie, Selbstverständlichkeit, das Recht, ohne Angst zu leben.
Wenn jemand, der einem nah ist, einem weh tut, ist das nicht nur ein Angriff auf den Körper oder die Psyche. Es ist ein Angriff auf die Idee von Nähe. Auf das Vertrauen, dass Intimität Schutz bedeutet. Auf den Glauben, dass Liebe etwas Sicheres sein kann.
Und wenn dieser Glauben zerbricht, entsteht etwas wie inneres Exil. Man ist noch da, aber nicht mehr zu Hause in sich selbst. Man wird misstrauisch gegenüber den eigenen Gefühlen. Man fragt sich, ob man überhaupt noch „richtig“ liebt. Ob man überhaupt noch etwas „richtig“ wählen kann.
Diese Entfremdung ist oft schwerer auszuhalten als die einzelnen Gewaltmomente. Denn sie bleibt, auch wenn gerade Ruhe ist. Sie bleibt im Körper, im Schlaf, in der Art, wie man Türen schließt, Nachrichten liest, Schritte im Flur deutet. Man lebt in einem Zustand, in dem die Welt nicht mehr neutral ist.
Und wieder kommt die Scham: Warum bin ich so? Warum bin ich so nervös? Warum kann ich nicht einfach wieder normal sein? Warum reagiere ich so stark?
Scham ist dann nicht nur ein Gefühl, sondern ein inneres Urteil: Ich bin beschädigt.
Die heimliche Arbeit des Gehirns: Wie man sich selbst verliert, ohne es zu merken
Menschen, die in Gewaltbeziehungen leben, entwickeln oft hochkomplexe Strategien, um zu überleben. Sie lesen Stimmungen. Sie rechnen voraus. Sie passen sich an. Sie entschärfen. Sie erklären. Sie übernehmen Verantwortung für die Emotionen des anderen. Nicht, weil sie das wollen, sondern weil es kurzfristig funktioniert.
Aber diese Strategien haben einen Preis. Sie trainieren das Gehirn auf Gefahr. Sie trainieren den Körper auf Alarm. Und sie trainieren das Selbst auf Rückzug.
Mit der Zeit entsteht ein innerer Zustand, in dem man kaum noch spürt, was man selbst will. Man spürt vor allem, was man vermeiden muss. Und irgendwann ist das eigene Leben nicht mehr von Wünschen strukturiert, sondern von Risiken.
In so einem Zustand ist es besonders schwer, über Gewalt zu sprechen, weil Sprechen selbst ein Risiko ist. Es kann Konsequenzen haben. Es kann entdeckt werden. Es kann den inneren, mühsam stabilisierten Alltag sprengen. Es kann, im schlimmsten Fall, die Gewalt verschärfen.
Und selbst wenn das Umfeld sicher ist, bleibt diese Logik oft im Körper: Schweigen schützt.
Der Moment, in dem man es vielleicht doch sagt – und warum er oft nicht spektakulär ist
Wenn Betroffene beginnen zu sprechen, ist das selten ein dramatisches Geständnis. Es ist oft ein Satz, der fast beiläufig wirkt, weil man ihn nur so ertragen kann. Ein Halbsatz. Ein Bruchstück. Etwas, das mehr andeutet als erklärt.
„Ich habe zu Hause oft Angst.“ „Es eskaliert manchmal.“ „Ich weiß nicht, wie ich das noch aushalten soll.“
Für Angehörige ist es verführerisch, sofort „alles“ wissen zu wollen. Aber oft ist dieser erste Satz nicht der Anfang einer Erzählung, sondern der Anfang von Luft. Von einem kleinen Spalt in einer Tür, die lange geschlossen war.
Wenn man diesen Spalt zu schnell aufreißt, kann er wieder zufallen. Nicht aus Trotz. Sondern aus Scham. Aus Überforderung. Aus Angst, zu viel preisgegeben zu haben.
Sprechen ist für viele Betroffene nicht Befreiung auf Knopfdruck. Es ist ein Risiko. Es ist ein Zittern. Es ist das vorsichtige Testen: Wird mir geglaubt? Werde ich verurteilt? Werde ich gedrängt? Werde ich beschämt?
Scham verschwindet nicht, wenn die Gewalt endet
Selbst wenn eine Beziehung endet, selbst wenn räumliche Distanz entsteht, selbst wenn die akute Gefahr vorbei ist: Scham kann bleiben. Sie bleibt in Rückblicken. In Selbstzweifeln. In dem Gefühl, „mit sich selbst etwas nicht gemerkt“ zu haben. In der Frage, wie man so etwas zulassen konnte. In dem Blick in den Spiegel, der nicht nur das Gesicht sieht, sondern die Geschichte.
Viele Betroffene tragen die Gewalt wie ein geheimes Brandzeichen. Nicht, weil andere es sehen, sondern weil sie selbst glauben, dass es sichtbar sein müsste. Dass es an ihnen haftet. Dass es ihre Würde kompromittiert.
Und Angehörige tragen manchmal ebenfalls Nachwirkungen: Schuldgefühle, Zorn, Trauer, Ohnmacht. Beziehungen im Umfeld können sich verändern, weil Vertrauen erschüttert ist. Weil man merkt, wie wenig man über das Leben eines nahen Menschen wusste. Weil man sich fragt, ob Nähe überhaupt schützt.
Das Ende der Gewalt ist deshalb nicht automatisch der Beginn von Frieden. Es ist oft der Beginn einer langen, stillen Verarbeitung. Einer Arbeit am eigenen Selbstbild. Einer langsamen Rückkehr zur inneren Sicherheit.
Die Wahrheit: Es ist schwer, weil es schwer gemacht wird
Es wäre bequem zu glauben, Betroffene könnten einfach reden, wenn sie nur mutig genug wären. Aber das verschiebt die Verantwortung erneut. Denn die Wahrheit ist: Es ist schwer, weil Gewalt systematisch Scham produziert. Weil sie die Sprache zerstört. Weil sie das Selbstbild erodiert. Weil sie soziale Reaktionen antizipierbar macht. Weil sie Abhängigkeiten schafft. Weil sie Angst in den Körper schreibt.
Und es ist schwer, weil unsere Gesellschaft Gewalt in Beziehungen zwar moralisch verurteilt, aber Betroffenen oft zugleich eine Art Mitverantwortung zuschreibt, sobald die Geschichte kompliziert wird. Sobald es nicht der „perfekte Fall“ ist. Sobald es keine klare Chronologie gibt. Sobald man nicht sofort gegangen ist.
Die Scham der Betroffenen entsteht nicht nur in der Beziehung. Sie entsteht auch in der Welt draußen, die oft nicht weiß, wie man zuhört, ohne zu bewerten.
Würde ist manchmal nur ein kleines Wort – aber es ist das Gegenmittel
Vielleicht ist Würde das eigentliche Zentrum dieses Themas. Nicht im pathetischen Sinn. Sondern ganz konkret. Würde bedeutet: Ich bin nicht das, was mir passiert. Ich bin nicht verantwortlich für die Entscheidung eines anderen, mir weh zu tun. Ich muss mich nicht schämen, weil ich in einer Lage war, die mich überfordert hat. Ich darf widersprüchlich sein. Ich darf verwirrt sein. Ich darf lieben und gleichzeitig Angst haben. Ich darf Zeit brauchen.
Für Angehörige bedeutet Würde: Ich sehe dich nicht als Projekt. Nicht als Fall. Nicht als jemand, den ich „retten“ muss, um mein eigenes Ohnmachtsgefühl zu beruhigen. Sondern als Mensch, dessen Tempo zählt. Dessen Grenzen zählen. Dessen Angst ernst ist.
Würde ist das, was Gewalt angreift – und was im Sprechen langsam zurückkehren kann. Nicht durch Druck, nicht durch „richtige“ Sätze, nicht durch perfekte Erzählungen. Sondern durch einen Raum, in dem Betroffene nicht zusätzlich beschämt werden.
Ein leiser, wahrer Satz am Ende
Vielleicht ist es nicht der Satz „Ich werde geschlagen“, der zuerst möglich ist. Vielleicht ist es ein Satz, der noch näher an der Realität liegt, weil er weniger „fertig“ klingt, weniger endgültig, weniger ausliefert.
Vielleicht ist es nur: „Ich schäme mich. Und ich weiß nicht, wie ich darüber reden soll.“
Und vielleicht ist genau das der Anfang. Nicht spektakulär. Nicht filmreif. Aber real. Und mutig, weil er gegen die Logik der Gewalt arbeitet.
Denn Gewalt will, dass man schweigt. Scham will, dass man sich versteckt. Und Menschlichkeit beginnt dort, wo jemand bleibt, ohne zu drängen – und zuhört, ohne zu richten.






