Wenn bei einem Kind ADHS diagnostiziert wird, steht irgendwann auch die Frage im Raum: Sind Medikamente notwendig – und wenn ja, welche? Für viele Eltern ist das ein heikler Punkt, denn die Vorstellung, dem eigenen Kind ein psychoaktives Medikament zu geben, ist mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Umso wichtiger ist eine sachliche, gut informierte Entscheidung auf Basis medizinischer Erkenntnisse und individueller Bedürfnisse.
Warum überhaupt Medikamente?
Medikamente kommen dann infrage, wenn die Symptome stark ausgeprägt sind und das Kind deutlich unter seiner Unruhe, Impulsivität oder Konzentrationsschwäche leidet – oder wenn Schule, Familie und soziale Kontakte spürbar beeinträchtigt sind. Die medikamentöse Therapie soll helfen, das emotionale Gleichgewicht zu stabilisieren, die Lernfähigkeit zu verbessern und das Selbstwertgefühl zu stärken. Sie ersetzt aber nie pädagogische oder therapeutische Begleitung – sondern ist Teil eines Gesamtkonzepts.
Welche Medikamente werden bei ADHS im Kindesalter eingesetzt?
Die medikamentöse Behandlung von ADHS bei Kindern basiert auf langjähriger Forschung und klinischer Erfahrung. Sie zielt darauf ab, die Konzentrationsfähigkeit zu verbessern, Impulsivität zu verringern und die innere Unruhe zu lindern. Die Auswahl des geeigneten Medikaments richtet sich dabei nach Alter, Symptomschwere, individuellen Reaktionen und möglichen Begleiterkrankungen. Grundsätzlich lassen sich zwei Hauptgruppen unterscheiden: Stimulanzien und Nicht-Stimulanzien.
Stimulanzien – Methylphenidat und Amphetaminpräparate
Die am häufigsten verschriebenen Medikamente bei ADHS sind sogenannte Stimulanzien. Sie wirken anregend auf bestimmte Botenstoffe im Gehirn, insbesondere Dopamin und Noradrenalin, die bei ADHS oft in einem Ungleichgewicht vorliegen. Durch die Verbesserung der Signalübertragung können Aufmerksamkeit und Selbstregulation spürbar verbessert werden.
Der bekannteste Wirkstoff in dieser Gruppe ist Methylphenidat. Er ist seit Jahrzehnten im Einsatz und gut erforscht. Handelsnamen sind zum Beispiel Ritalin®, Medikinet®, Concerta®, Equasym® oder Delmosart®. Es gibt verschiedene Darreichungsformen:
- Unretardierte Tabletten, die schnell wirken, aber nur kurz anhalten (etwa 3–4 Stunden).
- Retardpräparate, die den Wirkstoff verzögert freisetzen und dadurch eine längere Wirkdauer von 6–12 Stunden ermöglichen – oft nur eine Einnahme pro Tag nötig.
Neben Methylphenidat gibt es auch Medikamente mit Amphetamin-Derivaten, wie Lisdexamfetamin (z. B. Elvanse®). Diese wirken ähnlich, aber etwas anders in der Neurochemie des Gehirns. Sie werden oft eingesetzt, wenn Methylphenidat nicht ausreichend wirkt oder schlecht vertragen wird. Auch Lisdexamfetamin ist gut untersucht und wird vor allem bei Schulkindern und Jugendlichen eingesetzt.
Nicht-Stimulanzien – wenn Stimulanzien nicht infrage kommen
Wenn Stimulanzien nicht ausreichend helfen, zu starke Nebenwirkungen verursachen oder aus bestimmten Gründen nicht eingesetzt werden können, kommen sogenannte Nicht-Stimulanzien zum Einsatz. Das wichtigste Medikament in dieser Gruppe ist Atomoxetin (Handelsname z. B. Strattera®).
Atomoxetin wirkt ebenfalls auf Noradrenalin, allerdings nicht direkt stimulierend. Es wird täglich eingenommen und wirkt kontinuierlich über 24 Stunden. Die Wirkung baut sich schrittweise über einige Tage bis Wochen auf. Atomoxetin kann besonders hilfreich sein bei Kindern mit zusätzlicher Ängstlichkeit, Tic-Störungen oder Schlafproblemen, da es ein ruhigeres Wirkprofil hat als klassische Stimulanzien.
In manchen Fällen – z. B. bei sehr starken Schlafstörungen, hoher Reizbarkeit oder aggressivem Verhalten – werden zusätzlich begleitende Medikamente wie bestimmte niedrig dosierte Antidepressiva, Alpha-2-Agonisten (z. B. Guanfacin) oder andere Präparate erwogen. Diese kommen aber nur in besonderen Fällen zum Einsatz und immer unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle.
Individuelle Auswahl und ärztliche Begleitung
Die Auswahl des passenden Medikaments erfolgt immer individuell – je nach Alter, Alltagssituation und Reaktion auf den Wirkstoff. Oft ist es ein Prozess, in dem die Dosis langsam angepasst wird, um die optimale Wirkung bei möglichst geringen Nebenwirkungen zu finden. Wichtig ist: Medikamente ersetzen keine Therapie, aber sie können helfen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen – indem sie das Kind innerlich zur Ruhe kommen lassen und ihm ermöglichen, sich selbst und die Umwelt besser wahrzunehmen.
Übersicht: Medikamente bei ADHS im Kindesalter
Wirkstoff | Wirkmechanismus | Dauer der Wirkung | Handelsnamen | Typische Einsatzgebiete |
---|---|---|---|---|
Methylphenidat | Stimulanz; erhöht Dopamin- und Noradrenalinspiegel im Gehirn | 4–12 Stunden (je nach Formulierung) | Ritalin®, Medikinet®, Concerta®, Equasym®, Delmosart® | Standardmedikament bei ADHS; bei Konzentrations- und Impulsproblemen |
Lisdexamfetamin | Stimulanz; Prodrug, wird im Körper zu D-Amphetamin umgewandelt | 10–13 Stunden | Elvanse® | Alternative zu Methylphenidat; bei Unverträglichkeit oder unzureichender Wirkung |
Atomoxetin | Nicht-Stimulans; selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer | 24 Stunden (kontinuierliche Wirkung) | Strattera® | Bei Unverträglichkeit von Stimulanzien, komorbider Angst oder Schlafproblemen |
Guanfacin | Alpha-2A-Adrenozeptor-Agonist; reduziert neuronale Übererregbarkeit | 24 Stunden | Intuniv® | Zusätzlich bei Reizbarkeit, Wutausbrüchen, Schlafstörungen (selten Monotherapie) |
Clonidin (off-label) | Alpha-2-Adrenozeptor-Agonist | 6–12 Stunden | Kapvay® (nicht in DE zugelassen für ADHS) | Nur in Einzelfällen (z. B. Tic-Störungen, schwere Unruhe); selten in Deutschland |
Wie wirken ADHS-Medikamente?
Die Wirkung setzt meist innerhalb von 30 bis 60 Minuten ein und hält – je nach Präparat – zwischen 4 und 12 Stunden an. Kinder berichten häufig, dass sie sich ruhiger, klarer und „sortierter“ fühlen. Lehrkräfte erleben oft, dass das Kind besser mitarbeiten kann und weniger impulsiv reagiert. Wichtig ist: Die Wirkung verschwindet nach dem Abklingen des Medikaments vollständig – es verändert nicht dauerhaft die Persönlichkeit des Kindes.
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Wie bei jedem Medikament können auch ADHS-Präparate Nebenwirkungen haben. Zu den häufigsten zählen Appetitlosigkeit, Einschlafprobleme, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder emotionale Schwankungen. Viele dieser Effekte lassen sich durch Anpassung der Dosis oder die Wahl eines anderen Präparats deutlich reduzieren. Deshalb ist eine engmaschige ärztliche Begleitung entscheidend.
Medikamente – ja oder nein?
Die Entscheidung für oder gegen Medikamente sollte immer individuell getroffen werden – gemeinsam mit dem behandelnden Kinder- und Jugendpsychiater und am besten unter Einbeziehung von Schule und Elternhaus. In vielen Fällen ermöglichen Medikamente dem Kind erst, an Fördermaßnahmen, Verhaltenstrainings oder Schulunterricht wirksam teilzunehmen. Manchmal reicht aber auch eine gute Struktur und pädagogische Begleitung aus.
Fazit
ADHS-Medikamente können Kindern helfen, zur Ruhe zu kommen, sich besser zu konzentrieren und ihre Potenziale zu entfalten. Sie sind kein Wundermittel – aber für viele ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einem stabileren Alltag. Entscheidend ist ein individueller, verantwortungsvoller Umgang mit der Therapie – getragen von Offenheit, Vertrauen und guter Begleitung.