Autor: Mazin Shanyoor
Wenn die Welt ins Wanken gerät und niemand sieht, wie sehr es dich erschüttert!
Es beginnt oft unscheinbar. Ein Moment der Unsicherheit. Ein kurzer Eindruck, als würde der Boden minimal nachgeben. Doch dann bleibt dieses Gefühl. Nicht nur Sekunden. Manchmal Minuten. Manchmal begleitet es dich durch den ganzen Tag.
Die Umgebung wirkt fremd, der eigene Körper nicht mehr ganz verlässlich. Du stehst auf – und alles schwankt. Du gehst durch einen Raum – und plötzlich fühlt es sich an, als würdest du durch weichen Sand laufen. Kein dramatischer Sturz, kein sichtbares Ereignis. Und doch erschüttert es dich innerlich zutiefst.
Schwindel bei Fibromyalgie ist kein spektakuläres Symptom. Er schreit nicht. Er blutet nicht. Aber er untergräbt dein Vertrauen in dich selbst. Und genau das macht ihn so belastend.
Mehr als nur Benommenheit
Schwindel bei Fibromyalgie ist kein harmloses „Mir ist ein bisschen schummrig“. Es ist kein kurzes Taumeln, das man mit einem Glas Wasser und einem tiefen Atemzug wieder einfängt. Für viele Betroffene ist es ein Symptom, das sie mitten aus dem Leben reißt. Aus einem Gespräch. Aus einer Einkaufssituation. Aus einem ganz normalen Morgen, der eigentlich unspektakulär beginnen sollte.
Es kann sein, dass du am Küchentisch sitzt, aufstehst – und plötzlich fühlt es sich an, als würde dein Körper einen halben Schritt hinterherhinken. Nicht dramatisch genug, um zu stürzen. Aber intensiv genug, um dein Herz schneller schlagen zu lassen. Der Raum kippt nicht sichtbar. Und doch gerät etwas ins Rutschen. Dein Gleichgewicht wirkt brüchig, dein Kopf schwer, dein Blick unsicher. Als würdest du durch eine leicht verschobene Realität gehen.
Manche beschreiben es wie ein permanentes Schwanken, als stünde man auf einem Boot, das nie ganz zur Ruhe kommt. Andere erleben eine bleierne Benommenheit, ein dumpfes Gefühl im Kopf, als läge ein unsichtbarer Schleier über allem. Geräusche wirken plötzlich lauter oder ferner. Licht kann unangenehm grell erscheinen. Bewegungen anderer Menschen werden schwerer einzuordnen. Und während außen alles normal aussieht, kämpfst du innen darum, die Kontrolle zu behalten.
Besonders belastend ist, dass dieser Schwindel nicht planbar ist. Er kündigt sich selten an. Er kommt in Momenten, in denen du gerade funktionieren musst. Beim Einkaufen zwischen vollen Regalen. Beim Warten an einer Ampel. In einem Gespräch, in dem du konzentriert bleiben willst. Und genau in diesen Momenten durchzieht dich diese Welle aus Unsicherheit. Dein Körper fühlt sich nicht mehr verlässlich an. Dein Kopf nicht mehr klar. Dein Stand nicht mehr stabil.
Es ist dieses Gefühl von Kontrollverlust, das so tief erschüttert. Nicht, weil du tatsächlich die Kontrolle verlierst – sondern weil du für Sekunden oder Minuten nicht mehr sicher bist, ob du sie halten kannst. Und diese Unsicherheit frisst Energie. Sie macht dich vorsichtig. Wachsam. Angespannt.
Mit der Zeit verändert der Schwindel deinen Alltag. Du planst Wege anders. Du setzt dich häufiger hin. Du meidest Situationen, in denen du dich beobachtet fühlst. Vielleicht sagst du Verabredungen ab, weil du nicht erklären möchtest, warum du gerade wieder „so komisch“ bist. Vielleicht ziehst du dich zurück, nicht aus Desinteresse – sondern aus Angst vor dem nächsten Schwanken.
Und dann kommt noch etwas hinzu, das kaum jemand von außen sieht: die innere Erschütterung. Wenn dein Körper dir wiederholt das Gefühl gibt, nicht stabil zu sein, beginnt etwas in dir zu zweifeln. An deiner Belastbarkeit. An deiner Zuverlässigkeit. An deiner eigenen Wahrnehmung. Du fragst dich, warum dein Körper so reagiert, obwohl medizinische Untersuchungen oft nichts Dramatisches zeigen. Du spürst etwas sehr Reales – und bekommst trotzdem keine greifbare Erklärung.
Dieser Schwindel ist deshalb so belastend, weil er dich nicht nur körperlich trifft. Er trifft dein Sicherheitsgefühl. Dein Selbstvertrauen. Dein Vertrauen in den eigenen Körper. Und wenn man ohnehin mit Schmerzen, Fatigue und Reizüberempfindlichkeit lebt, dann ist dieses zusätzliche Schwanken nicht nur ein weiteres Symptom. Es ist ein weiterer Angriff auf deine Stabilität im Alltag.
Mehr als nur Benommenheit bedeutet: Es ist ein Symptom, das dich aus deinem Rhythmus wirft. Das dich zwingt, langsamer zu werden, obwohl du vielleicht schon am Limit lebst. Das dich daran erinnert, dass dein Nervensystem empfindlicher reagiert als das anderer Menschen.
Und genau deshalb darfst du es ernst nehmen. Nicht als Nebensache. Sondern als das, was es ist: ein tief belastendes, verunsicherndes und erschöpfendes Symptom, das viel mehr mit dir macht, als man von außen ahnt.
Wenn das Nervensystem aus dem Gleichgewicht gerät
Wenn Schwindel bei Fibromyalgie auftaucht, fühlt es sich oft so an, als würde der Körper „spinnen“. Als hätte sich irgendwo ein Schalter umgelegt, den man selbst nicht mehr erreicht. Und genau das ist das Gemeine daran: Du kannst dich noch so zusammenreißen, noch so konzentrieren, noch so sehr versuchen, stabil zu stehen oder „normal“ zu wirken – der Schwindel lässt sich nicht durch Willenskraft wegdiskutieren. Er kommt aus einer tieferen Ebene. Aus dem System, das eigentlich unbemerkt im Hintergrund dafür sorgt, dass du dich sicher fühlst: deinem Nervensystem.
Fibromyalgie wird häufig missverstanden, weil man sie zu sehr am Muskel festmacht. Dabei ist sie viel eher eine Erkrankung der Verarbeitung. Dein Körper sendet ständig Signale. Aus den Muskeln, aus den Gelenken, aus der Haut, aus den Augen, aus dem Innenohr, aus dem Kreislauf. Normalerweise sortiert das Gehirn diese Informationen, gleicht sie ab, filtert Unwichtiges heraus und setzt daraus ein klares Gefühl zusammen: Ich stehe. Ich gehe. Ich bin stabil. Ich bin im Gleichgewicht. Es ist ein hochkomplexer, aber normalerweise reibungsloser Prozess. Und gerade weil er meistens so selbstverständlich funktioniert, merkt man erst, wie elementar er ist, wenn er nicht mehr zuverlässig arbeitet.
Bei Fibromyalgie ist dieses Filtersystem oft überreizt und zugleich weniger belastbar. Nicht unbedingt „defekt“, sondern empfindlicher, schneller aus dem Takt zu bringen. Es ist, als wäre die innere Schwelle für Störsignale herabgesetzt. Reize kommen stärker an, werden intensiver empfunden, und das Nervensystem bleibt länger in Alarmbereitschaft. Bei Schmerzen kennt man dieses Prinzip als zentrale Sensibilisierung. Beim Schwindel zeigt es sich ähnlich: Nicht, weil du dir etwas einbildest, sondern weil dein Gehirn und dein Körper Reize anders gewichten und verarbeiten.
Und Schwindel entsteht genau dort, wo mehrere Systeme gleichzeitig zusammenspielen müssen. Gleichgewicht ist kein einzelnes Organ. Es ist Teamarbeit. Das Innenohr liefert die Information, ob und wie du dich bewegst. Die Augen geben dem Gehirn Orientierung und „Fixpunkte“ in der Umgebung. Und deine Muskeln und Gelenke melden ständig zurück, wie dein Körper im Raum steht, wie deine Haltung ist, wie du dich abstützt. Aus all dem entsteht ein stabiles Bild. Wenn aber eines dieser Systeme – oder die Koordination zwischen ihnen – irritiert ist, kippt nicht unbedingt die Welt. Aber es kippt das Gefühl von Sicherheit. Und genau das ist es, was dich so erschüttert: diese feine, aber massive innere Instabilität.
Viele Betroffene erleben deshalb einen Schwindel, der sich nicht wie ein klarer Drehschwindel anfühlt, sondern wie ein diffuser Kontrollverlust. Du kannst stehen und trotzdem das Gefühl haben, dass du gleich schwankst. Du kannst gehen und gleichzeitig spüren, dass dein Gang plötzlich unsicher wirkt, obwohl du dich anstrengst, normal zu laufen. Du kannst in einem Raum sein, der völlig still ist, und trotzdem fühlt es sich innerlich so an, als würdest du minimal „nachschwingen“. Und dann ist da oft dieser seltsame Zustand zwischen Wachsein und Nebel: Du bist da, du bekommst alles mit, aber es kostet dich enorm, deine Orientierung zu halten.
Hinzu kommt die vegetative Ebene, die bei Fibromyalgie häufig mitbetroffen ist. Das autonome Nervensystem ist das, was deinen Blutdruck, deinen Puls, deine Atmung und deine Kreislaufanpassung steuert, ohne dass du darüber nachdenken musst. Wenn du dich hinsetzt oder aufstehst, wenn du dich bückst oder streckst, passt sich dein Kreislauf normalerweise blitzschnell an. Bei vielen Menschen mit Fibromyalgie funktioniert diese Anpassung jedoch nicht mehr so robust. Der Körper reagiert verzögert oder überempfindlich. Beim Aufstehen kann der Blutdruck kurz absacken, der Puls schießt hoch, der Kopf wird leicht, die Sicht flimmert, der Boden wirkt plötzlich unsicher. Das sind Momente, die Angst machen – nicht weil du zwangsläufig in Gefahr bist, sondern weil du spürst, wie schnell dein Körper dich in eine Situation bringt, in der du dich nicht mehr souverän fühlst.
Und dann kommt die psychophysiologische Komponente, die oft missverstanden wird. Schwindel triggert Stress. Stress wiederum verändert Atmung, Muskelspannung, Kreislauf und die Wahrnehmung von Reizen. Das ist kein „psychisch“, im Sinne von „nicht echt“, sondern ein biologischer Verstärker. Wenn du einmal erlebt hast, wie es ist, plötzlich instabil zu sein, dann wird dein System wachsamer. Du scannst mehr. Du kontrollierst dich mehr. Du hältst dich innerlich fest. Und genau diese Anspannung kann den Schwindel erneut wahrscheinlicher machen. Ein Kreislauf, der dich müde macht, weil er dauerhaft Energie zieht, selbst wenn du äußerlich ruhig wirkst.
Was dabei oft am schwersten ist, ist diese Einsamkeit des Symptoms. Schwindel lässt sich schlecht erklären. Man sieht ihn dir nicht an. Du kannst nicht beweisen, wie unsicher du dich gerade fühlst. Und wenn Untersuchungen unauffällig sind, kommt schnell dieses Gefühl: „Dann muss ich ja irgendwie falsch sein.“ Doch das bist du nicht. Es bedeutet nur, dass der Schwindel nicht aus einer klassischen, klar messbaren Ursache wie einem akuten Innenohrproblem kommt, sondern aus einer komplexen Dysregulation, die viel subtiler ist – und gerade deshalb so schwer greifbar.
Wenn das Nervensystem aus dem Gleichgewicht gerät, ist das nicht nur ein medizinischer Satz. Es beschreibt eine Erfahrung: Du willst dein Leben führen, deine Wege gehen, deinen Alltag schaffen – und plötzlich ist da dieses instabile Fundament. Dieses „Ich kann mich gerade nicht auf mich verlassen“. Und das ist für Betroffene nicht nur unangenehm. Es ist existenziell belastend, weil Sicherheit im eigenen Körper eine Grundvoraussetzung für alles ist: für Bewegung, für Freiheit, für Alltag, für Spontaneität.
Und genau deshalb verdient dieses Symptom so viel Ernsthaftigkeit. Nicht erst, wenn es spektakulär aussieht. Sondern gerade, weil es still ist – und dich trotzdem so stark erschüttert.
Die Rolle von Nacken, Spannung und Dauererschöpfung
Chronische Muskelverspannungen im Schulter- und Nackenbereich gehören für viele Menschen mit Fibromyalgie zum Alltag. Diese Verspannungen können die Wahrnehmung von Körperlage und Bewegung beeinflussen. Die feinen Rückmeldesignale aus der Halswirbelsäule geraten durcheinander. Das Gehirn erhält widersprüchliche Informationen – und das Gefühl von Unsicherheit entsteht.
Gleichzeitig wirkt die allgegenwärtige Fatigue wie ein Verstärker. Wenn du ohnehin erschöpft bist, wenn dein Körper permanent mit Schmerzen und Reizüberflutung beschäftigt ist, dann wird jedes zusätzliche Symptom intensiver wahrgenommen. Schwindel trifft dich dann nicht als isoliertes Ereignis, sondern als weiterer Beweis dafür, dass dein Körper nicht mehr so funktioniert wie früher.
Und genau hier beginnt oft der innere Konflikt.
Die stille Angst dahinter
Schwindel ist nicht nur ein körperliches Symptom. Er ist ein Gefühl, das etwas in dir berührt, das sehr tief sitzt: Sicherheit. Boden. Kontrolle. Und genau deshalb kann Schwindel bei Fibromyalgie so viel Angst auslösen, selbst dann, wenn er medizinisch „nicht gefährlich“ eingestuft wird. Denn dein Körper reagiert in diesen Momenten nicht wie in einem neutralen Zustand. Er reagiert wie in einer Situation, in der etwas nicht stimmt. Und das Gehirn übersetzt diese innere Instabilität sofort in Alarm.
Vielleicht kennst du diesen Moment, in dem der Schwindel hochzieht und du innerlich kurz erstarrst. Du bist plötzlich extrem wach. Du registrierst jedes Detail. Du suchst Halt, manchmal ganz automatisch, indem du dich an einer Wand festhältst, dich hinsetzt oder den Blick irgendwo fixierst. Und während du das tust, läuft in dir ein zweiter Film ab, der viel belastender sein kann als das Schwanken selbst: „Bitte nicht jetzt.“ „Nicht hier.“ „Was, wenn ich gleich umfalle?“ „Was, wenn ich mich blamiere?“ „Was, wenn ich doch etwas Ernstes habe und niemand hat es gesehen?“
Es ist eine Angst, die selten laut ist. Sie ist eher still, aber sie frisst sich in den Alltag. Sie macht dich vorsichtig. Sie lässt dich Situationen scannen, bevor du sie betrittst. Sie zwingt dich, überall Ausgänge zu sehen, Stühle, Möglichkeiten zum Hinsetzen. Sie lässt dich innerlich kalkulieren: Wie weit ist es bis zur nächsten Bank? Wie lange dauert die Schlange an der Kasse? Was, wenn ich gleich nicht mehr kann? Und manchmal spürst du, wie diese Angst nicht erst kommt, wenn der Schwindel da ist, sondern schon vorher. Als Erwartung. Als Schatten. Als innere Anspannung, die dich begleitet.
Gerade bei Fibromyalgie ist diese Angst oft doppelt schwer, weil sie sich mit einem anderen Gefühl mischt: dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Schwindel ist schwer erklärbar. Er hat nicht immer ein klares Muster. Und er hinterlässt selten objektive Spuren. Viele Betroffene erleben, dass Untersuchungen unauffällig sind. HNO: „Alles okay.“ Neurologie: „Kein Befund.“ Blutwerte: „Unauffällig.“ Und dann steht man da mit einem Symptom, das einen aus dem Tagesablauf schlägt – und gleichzeitig mit dem Eindruck, dass es dafür keinen Platz gibt. Dass es nicht richtig „zählt“, weil es nicht messbar ist.
Und genau hier beginnt eine besonders belastende Dynamik: Du spürst etwas sehr Reales, aber die Welt um dich herum bekommt keinen festen Griff daran. Manchmal wird daraus ein quälender Selbstzweifel. Du fragst dich, ob du überempfindlich bist. Ob du dich hineinsteigerst. Ob du vielleicht doch einfach „zu schwach“ bist. Und wenn du das oft genug hörst oder zwischen den Zeilen spürst, kann es passieren, dass du sogar anfängst, dich selbst zu überwachen. Du beobachtest dich wie von außen. Du kontrollierst, wie du gehst, wie du stehst, ob du „normal“ wirkst. Du versuchst, nichts anmerken zu lassen, weil du nicht wieder erklären willst, warum du gerade nicht kannst.
Diese innere Überwachung kostet unglaublich viel Energie. Sie zieht Kraft aus einem System, das ohnehin am Limit ist. Und sie verstärkt den Schwindel manchmal paradoxerweise, weil dein Nervensystem dadurch noch wachsamer, noch angespannter, noch empfindlicher wird. Aus Angst wird Anspannung. Aus Anspannung wird mehr Wahrnehmung. Aus mehr Wahrnehmung wird mehr Unsicherheit. Ein Kreislauf, der sich nicht wie ein psychisches Problem anfühlt, sondern wie ein biologischer Alarm, der nicht mehr zuverlässig herunterregelt.
Hinzu kommt eine sehr menschliche Angst: die Angst vor dem nächsten Mal. Wenn du Schwindel einmal als bedrohlich erlebt hast, speichert dein Körper diese Erfahrung. Du musst nicht bewusst daran denken. Es reicht, dass du wieder in einer ähnlichen Situation bist: enge Gänge im Supermarkt, helles Licht, viele Menschen, schnelle Bewegungen um dich herum, wenig Schlaf, ein Tag mit viel Stress. Und plötzlich ist sie da, diese leise Vorwarnung: „Pass auf.“ Und du merkst, wie du dich innerlich festhältst, bevor überhaupt etwas passiert.
Manchmal fühlt sich das an, als würde dein Leben kleiner werden. Nicht, weil du es so willst, sondern weil dein System dich ständig daran erinnert, wie schnell Stabilität kippen kann. Und das ist bitter, weil du ja nicht „dramatisch“ sein willst. Du willst einfach nur einen Alltag, der sich normal anfühlt. Du willst einkaufen, arbeiten, dich bewegen, spontan sein, lachen, ohne im Hinterkopf ständig einen Notfallplan zu haben.
Vielleicht ist das Schwerste an dieser stillen Angst, dass sie so einsam macht. Viele Menschen verstehen Schwindel nicht, wenn sie ihn nicht selbst erlebt haben. Sie verwechseln ihn mit Kreislauf, mit „zu wenig gegessen“, mit „ein bisschen stressig gerade“. Und du stehst dann da und spürst: Es ist nicht ein bisschen. Es ist ein Symptom, das dir den Boden unter den Füßen nimmt – manchmal ganz wortwörtlich.
Diese Angst verdient Mitgefühl. Nicht, weil du „ängstlich“ bist, sondern weil dein Körper dir eine Erfahrung gibt, die zutiefst verunsichert. Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass Schwindel Angst macht. Denn er greift etwas an, das wir normalerweise als selbstverständlich nehmen: das Gefühl, sicher in uns selbst zu sein.
Und wenn du das kennst, dann ist es wichtig, dass du dir eines nicht nehmen lässt: die Gewissheit, dass deine Erfahrung real ist. Dass du nicht übertreibst. Dass diese Angst nicht lächerlich ist. Sondern ein verständlicher, menschlicher Reflex auf ein Symptom, das dich immer wieder aus dem Takt bringt – und das viel mehr mit dir macht, als andere ahnen.
Der Kreislauf aus Unsicherheit und Rückzug
Mit der Zeit kann sich ein Teufelskreis entwickeln. Du bewegst dich vorsichtiger. Meidest schnelle Bewegungen. Vermeidest vielleicht sogar Situationen, in denen du dich unsicher fühlst. Große Menschenmengen. Helle Supermärkte. Öffentliche Verkehrsmittel. Alles, was dein Gleichgewicht zusätzlich fordert.
Dieser Rückzug schützt kurzfristig. Langfristig kann er jedoch die Unsicherheit verstärken. Denn das Gleichgewichtssystem lebt von Reizen, von Bewegung, von Training. Wenn du dich immer weniger traust, wird dein Körper noch sensibler auf jede kleine Irritation reagieren.
Und so wird aus einem Symptom ein emotionaler Dauerbegleiter.
Was dir helfen kann – ohne falsche Versprechen
Es gibt keine einfache, schnelle Lösung. Aber es gibt Wege, mit diesem Symptom umzugehen. Sanfte Bewegung kann das Gleichgewichtssystem stabilisieren. Physiotherapie kann Verspannungen im Nacken lösen. Ein langsames, bewusstes Aufstehen kann plötzliche Blutdruckabfälle reduzieren. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr unterstützt die Kreislaufregulation. Atemübungen helfen, wenn Angst das Schwanken verstärkt.
Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Verständnis. Für dich selbst. Für deinen Körper. Für dein Nervensystem, das nicht gegen dich arbeitet, sondern auf seine Weise versucht, Reize zu verarbeiten.
Schwindel bei Fibromyalgie ist kein Zeichen von Schwäche. Er ist ein Ausdruck einer komplexen neurobiologischen Dysregulation. Er gehört zu dieser Erkrankung, auch wenn er weniger bekannt ist als die Schmerzen.
Du bist nicht verrückt. Du bist nicht allein.
Vielleicht ist das Wichtigste an diesem Thema nicht die physiologische Erklärung. Vielleicht ist es die Erlaubnis, dieses Symptom ernst zu nehmen. Es ist belastend. Es kann dich verunsichern. Es kann deinen Alltag einschränken. Und trotzdem wirst du oft funktionieren, lächeln, weitermachen.
Wenn sich deine Welt manchmal unsicher anfühlt, dann liegt das nicht an mangelnder Stärke. Es liegt an einer Erkrankung, die dein Nervensystem empfindlicher macht als das anderer Menschen.
Und du darfst dir zugestehen, dass das schwer ist.
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