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Drei Frauen in unterschiedlichen Situationen, die das Leben mit Multipler Sklerose zeigen.

Wenn das eigene Leben fremd wird – Multiple Sklerose, Depression und die leise Verzweiflung zwischen Körper und Seele!

Schwarze Silhouette einer etwa 35-jährigen Frau in kurzem Business-Kleid und Stöckelschuhen, die sich links an eine Wand abstützt. Glatter Farbverlauf im Hintergrund von Blau/Violett zu Rot/Orange/Gelb. Rechts steht der Titel „Multiple Sklerose und Depression“ sowie der Untertitel „Wenn der Körper krank ist und die Seele nachgibt“. Unten rechts die Signatur „visite-medizin.de“.
Multiple Sklerose und Depression – Wenn der Körper krank ist und die Seele nachgibt.

Manchmal beginnt es nicht mit einem großen Knall. Nicht mit einem Ereignis, das sich klar benennen lässt. Sondern mit einem leisen Verschieben der eigenen Wirklichkeit. Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlen sich plötzlich mühsam an. Bewegungen kosten mehr Kraft. Gedanken brauchen länger. Der Körper gehorcht nicht mehr so zuverlässig wie früher. 

Und irgendwo zwischen diesen Veränderungen entsteht ein Gefühl, das viele Menschen mit Multipler Sklerose nur schwer in Worte fassen können. Ein Gefühl von Fremdheit gegenüber dem eigenen Leben. Von Entfremdung gegenüber dem eigenen Körper. Von Trauer über etwas, das man noch nicht ganz verloren hat, das sich aber nicht mehr sicher anfühlt.

Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, die nicht nur Nervenbahnen angreift. Sie greift in Biografien ein. Sie verändert Lebensentwürfe. Sie verschiebt Beziehungen. Sie stellt Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt. Und genau in diesem Raum, zwischen medizinischer Realität und persönlichem Erleben, entsteht bei vielen Betroffenen eine seelische Belastung, die weit über normale Traurigkeit hinausgehen kann. Eine Depression, die nicht einfach aus dem Nichts kommt, sondern oft langsam wächst. Aus Überforderung. Aus Dauerstress. Aus Verlusten. Aus dem Gefühl, immer wieder neu funktionieren zu müssen, während man innerlich müde wird.

Scham ist dabei ein häufiges, aber selten ausgesprochenes Gefühl. Scham darüber, nicht mehr so belastbar zu sein. Scham darüber, Hilfe zu brauchen. Scham darüber, traurig zu sein, obwohl andere sagen, man sehe doch noch gut aus. Verzweiflung entsteht nicht immer laut. Sie entsteht oft leise. In stillen Momenten. In Nächten, in denen der Schlaf nicht kommt. In Tagen, an denen man sich durch den Alltag schleppt und sich selbst kaum wiedererkennt.

Dieser Text versucht, diesen Raum ernst zu nehmen. Den Raum zwischen neurologischer Erkrankung und seelischer Erschöpfung. Zwischen Multiple Sklerose und Depression. Ohne Vereinfachungen. Ohne Beschönigungen. Aber auch ohne Hoffnungslosigkeit.

Wenn Krankheit mehr ist als ein medizinischer Befund

Multiple Sklerose wird medizinisch als chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems beschrieben. Das Immunsystem greift körpereigene Strukturen an, vor allem die Myelinscheiden der Nervenfasern. Dadurch werden Nervenimpulse langsamer oder fehlerhaft weitergeleitet. Die Folgen können sehr unterschiedlich sein. Sensibilitätsstörungen, Sehstörungen, Lähmungen, Koordinationsprobleme, Fatigue, Schmerzen, kognitive Veränderungen. Keine zwei Krankheitsverläufe sind identisch. Diese Unvorhersehbarkeit gehört zu den besonders belastenden Aspekten der Erkrankung.

Was diese nüchterne Beschreibung kaum erfasst, ist die existenzielle Dimension, die für Betroffene damit verbunden ist. Denn Multiple Sklerose betrifft nicht nur einzelne Funktionen. Sie betrifft das Gefühl von Kontrolle über den eigenen Körper. Sie betrifft die Sicherheit, planen zu können. Sie betrifft die Selbstwahrnehmung. Viele Menschen berichten, dass sie sich nach der Diagnose wie in einer Zwischenwelt fühlen. Noch nicht schwer krank, aber auch nicht mehr gesund. Noch leistungsfähig, aber mit zunehmenden Einschränkungen.

Dieses Dazwischen ist psychisch enorm anstrengend. Es gibt keinen klaren Punkt, an dem man sagen könnte: Ab hier bin ich krank. Und es gibt keinen klaren Punkt, an dem man sagen könnte: Ab hier ist alles verloren. Stattdessen ein permanentes Aushandeln mit sich selbst. Was geht noch. Was geht heute nicht. Was morgen vielleicht wieder. Diese ständige Unsicherheit erzeugt inneren Stress, der sich über Jahre aufbauen kann.

Viele Betroffene entwickeln Strategien, um diesen Stress zu kompensieren. Sie funktionieren. Sie passen sich an. Sie reduzieren Erwartungen. Sie verschieben eigene Bedürfnisse. Nach außen wirkt das oft erstaunlich stabil. Nach innen wächst jedoch nicht selten eine Erschöpfung, die tiefer geht als normale Müdigkeit.

Depression als Begleiterkrankung und als seelische Antwort

Depressionen treten bei Menschen mit Multipler Sklerose deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Diese Beobachtung ist gut belegt, und dennoch bleibt sie für viele Betroffene zunächst schwer einzuordnen. Denn oft entsteht der Eindruck, als müsse man sich zusätzlich zur neurologischen Erkrankung nun auch noch „zusammenreißen“, um psychisch stabil zu bleiben. Dabei ist das Gegenteil näher an der Wirklichkeit. Die erhöhte Häufigkeit von Depressionen bei MS ist kein Zufall und kein persönliches Versagen. Sie ist Ausdruck komplexer Prozesse, die sich im Körper und im Erleben gleichzeitig abspielen.

Ein Teil dieser Zusammenhänge lässt sich wahrscheinlich biologisch erklären. Entzündliche Prozesse im Gehirn, wie sie bei MS auftreten, betreffen nicht ausschließlich motorische oder sensorische Bahnen. Sie können auch Areale einbeziehen, die an der Steuerung von Emotionen, Motivation und innerer Antriebskraft beteiligt sind. Hinzu kommen mögliche Veränderungen im Gleichgewicht bestimmter Botenstoffe, die für Stimmung und Affektregulation wichtig sind. Diese neurobiologischen Mechanismen werden intensiv erforscht, doch viele Details sind noch nicht vollständig verstanden. Wichtig ist dabei vor allem eines. Dass Depression bei MS auch eine körperliche Dimension haben kann. Dass sie nicht nur im Denken entsteht, sondern in einem Gehirn, das selbst von der Erkrankung betroffen ist.

Gleichzeitig wäre es zu kurz gegriffen, Depression ausschließlich biologisch erklären zu wollen. Ebenso plausibel und für viele Betroffene unmittelbar nachvollziehbar ist die Depression als seelische Antwort auf eine dauerhaft belastende Lebenssituation. Eine chronische Erkrankung wie Multiple Sklerose bedeutet nicht nur Symptome. Sie bedeutet permanente Anpassung. Permanente Unsicherheit. Permanente Auseinandersetzung mit Grenzen. Dieses Leben unter Vorbehalt erzeugt einen anhaltenden inneren Druck, der sich nicht einfach abschütteln lässt.

Mit der Erkrankung gehen oft Verluste einher, die sich schrittweise und manchmal kaum merklich einstellen. Der Verlust von körperlicher Sicherheit. Der Verlust von Planbarkeit. Der Verlust von Selbstverständlichkeit. Manchmal auch der Verlust beruflicher Perspektiven oder vertrauter Rollen. Wer sich früher über Leistungsfähigkeit definiert hat, muss sich neu verorten. Wer gewohnt war, für andere da zu sein, erlebt sich plötzlich selbst als hilfsbedürftig. Diese Verschiebungen greifen tief in das Selbstbild ein. Sie können Trauer auslösen. Wut. Angst. Und mit der Zeit auch eine Erschöpfung, die nicht nur körperlich ist.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, Depression klar von Schwäche zu trennen. Depression ist keine Charakterschwäche. Sie ist kein Ausdruck mangelnder Disziplin. Sie ist kein Zeichen, dass jemand „nicht stark genug“ ist. Depression ist eine ernsthafte Erkrankung. Sie entsteht aus dem Zusammenwirken biologischer Vulnerabilität, psychischer Belastungen und sozialer Rahmenbedingungen. Bei Menschen mit MS treffen viele dieser Faktoren gleichzeitig aufeinander. Das macht sie nicht anfälliger im Sinne von „weniger belastbar“, sondern stärker exponiert gegenüber einer Situation, die objektiv extrem fordernd ist.

Viele Betroffene berichten, dass sich Depression für sie nicht in erster Linie als tiefe Traurigkeit äußert. Häufiger wird eine innere Leere beschrieben. Ein Abflachen von Gefühlen. Eine Distanz zu sich selbst und zur Umwelt. Dinge, die früher Freude bereitet haben, fühlen sich gleichgültig an. Interessen versickern. Es entsteht das Gefühl, das Leben eher zu beobachten als daran teilzunehmen. Als stünde man hinter einer Glasscheibe, während draußen alles weiterläuft.

Hinzu kommen oft quälende Schuldgefühle. Schuld, nicht mehr so zu funktionieren wie früher. Schuld, anderen zur Last zu fallen. Schuld, Bedürfnisse zu haben. Auch wenn Betroffene rational wissen, dass sie keine Schuld tragen, bleiben diese Gefühle häufig bestehen. Andere erleben eher eine innere Unruhe. Eine Rastlosigkeit, die nicht mit Energie einhergeht, sondern mit Anspannung. Ein Zustand, in dem man sich erschöpft fühlt und gleichzeitig nicht zur Ruhe kommt. Beides kann Ausdruck einer Depression sein.

Die Situation wird zusätzlich dadurch erschwert, dass sich depressive Symptome und MS-Symptome überschneiden können. Fatigue kann Folge neurologischer Prozesse sein. Sie kann aber auch Teil einer Depression sein. Konzentrations- und Gedächtnisprobleme können durch Läsionen entstehen oder durch depressive Verlangsamung. Schlafstörungen können beide Ursachen haben. Diese Überlagerungen machen es für Betroffene wie für Behandelnde schwierig, klar zu erkennen, was womit zusammenhängt.

Nicht selten führt das dazu, dass eine Depression lange unerkannt bleibt. Beschwerden werden der MS zugeschrieben. Oder als „verständlich“ im Sinne von „da wäre ja jeder traurig“ abgetan. Dabei ist Verständlichkeit kein Gegenargument gegen Behandlungsbedürftigkeit. Auch eine nachvollziehbare Depression ist eine Depression. Und auch sie verdient Aufmerksamkeit, Ernsthaftigkeit und Unterstützung.

Ein wichtiger Schritt kann sein, dem eigenen Erleben zu vertrauen. Wahrzunehmen, wenn sich etwas grundlegend verändert hat. Wenn nicht nur einzelne schlechte Tage auftreten, sondern ein anhaltender Zustand von Leere, Hoffnungslosigkeit oder innerer Schwere entstanden ist. Diese Wahrnehmung ernst zu nehmen, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Selbstfürsorge in einer Situation, die außergewöhnlich viel verlangt.

Scham als stiller Verstärker

Scham ist eines der stillsten und zugleich mächtigsten Gefühle, das im Zusammenhang mit Multipler Sklerose und Depression immer wieder auftaucht. Sie drängt sich nicht laut in den Vordergrund. Sie schreit nicht. Sie arbeitet leise im Hintergrund. Und genau deshalb bleibt sie so oft unbemerkt. Scham darüber, nicht mehr so zu funktionieren wie früher. Scham darüber, Termine absagen zu müssen, obwohl man sich selbst wünscht, einfach „normal“ mitgehen zu können. Scham darüber, Hilfe anzunehmen, obwohl man sein Leben lang vielleicht darauf trainiert war, selbstständig zu sein. Scham darüber, sich schwach zu fühlen, obwohl man jeden Tag enorme innere Kämpfe ausficht.

Viele Menschen tragen ein tief verankertes inneres Bild davon in sich, wie ein erwachsener Mensch zu sein hat. Belastbar. Zuverlässig. Leistungsfähig. Unabhängig. Dieses Bild ist selten bewusst gewählt. Es entsteht aus Erziehung, aus gesellschaftlichen Erwartungen, aus Erfahrungen. Eine chronische Erkrankung wie Multiple Sklerose stellt dieses Bild nicht abstrakt infrage, sondern in tausend kleinen Alltagssituationen. Wenn das Anziehen länger dauert. Wenn die Hände nicht richtig gehorchen. Wenn man unterwegs plötzlich erschöpft ist und sich setzen muss. Wenn man einen Termin absagt, weil die Kraft nicht reicht. Wenn man etwas vergisst, das früher selbstverständlich war. Jede dieser Situationen kann wie ein stiller Stich ins eigene Selbstbild wirken.

Scham entsteht dabei nicht nur aus dem, was tatsächlich passiert, sondern oft aus dem inneren Vergleich mit dem früheren Selbst. Mit der Person, die man einmal war. Die schneller war. Belastbarer war. Verlässlicher war. Dieser Vergleich ist menschlich. Aber er ist grausam. Denn er misst einen Menschen in einer völlig veränderten Lebenssituation an Maßstäben, die nicht mehr passen. Trotzdem fällt es vielen Betroffenen schwer, diese Maßstäbe loszulassen. Sie halten innerlich an dem Anspruch fest, „eigentlich“ anders sein zu müssen.

Scham führt häufig dazu, dass Menschen beginnen, ihre Symptome zu verbergen. Sie überspielen Erschöpfung. Sie lächeln, obwohl ihnen nicht danach ist. Sie sagen „es geht schon“, obwohl es nicht geht. Sie versuchen, möglichst wenig aufzufallen. Dieses Verbergen kostet enorme Energie. Energie, die ohnehin knapp ist. Gleichzeitig verhindert es, dass andere wirklich verstehen, wie es dem Betroffenen geht.

Depression verstärkt diese Dynamik zusätzlich. Ein zentrales Merkmal der Depression ist häufig das Gefühl, anderen zur Last zu fallen. Betroffene haben das Empfinden, ihre Probleme seien zu viel. Ihre Gefühle seien zu schwer. Ihre Existenz sei anstrengend für ihr Umfeld. Aus diesem Empfinden heraus entsteht oft der Entschluss, lieber zu schweigen. Lieber nichts zu sagen. Lieber niemanden zu belasten. Was gut gemeint ist, führt jedoch in die Isolation.

Das Schweigen verstärkt die Einsamkeit. Die Einsamkeit verstärkt das Gefühl, anders zu sein. Anders zu funktionieren. Nicht dazuzugehören. Und dieses Gefühl nährt wiederum die Scham. So entsteht ein stiller Kreislauf, der sich selbst aufrechterhält. Nicht, weil jemand etwas falsch macht. Sondern weil mehrere belastende Prozesse gleichzeitig ineinandergreifen.

Es ist wichtig, diesen Kreislauf als das zu sehen, was er ist. Kein Zeichen persönlicher Unzulänglichkeit. Kein Beweis mangelnder Stärke. Sondern Ausdruck einer Erkrankung in Kombination mit gesellschaftlichen Erwartungen, die Leistung, Selbstständigkeit und Kontrolle hoch bewerten, während sie für Verletzlichkeit, Abhängigkeit und Begrenztheit nur wenig Raum lassen.

Vielleicht beginnt Entlastung an einem sehr kleinen Punkt. An dem Gedanken, dass Scham kein Beweis dafür ist, dass man versagt hat. Sondern ein Hinweis darauf, wie sehr man sich eigentlich bemüht. Wie sehr man sich wünscht, zu funktionieren. Wie wichtig einem das eigene Leben und die Menschen darin sind. Diese Perspektive nimmt der Scham nicht sofort ihre Macht. Aber sie kann ihr langsam den Boden entziehen. Und manchmal ist genau dieses langsame Entziehen ein erster, vorsichtiger Schritt in Richtung innerer Entlastung.

Verzweiflung als Reaktion auf Dauerbelastung

Verzweiflung entsteht bei vielen Menschen mit Multipler Sklerose und begleitender Depression nicht in einem einzelnen Moment. Sie fällt nicht plötzlich vom Himmel. Sie wächst langsam. Still. Oft unbemerkt. Sie setzt sich zusammen aus vielen kleinen Erfahrungen, die für sich genommen vielleicht noch irgendwie auszuhalten sind, die in ihrer Summe jedoch immer schwerer wiegen. Aus Tagen, an denen man sich mühsam durch den Alltag bewegt. Aus Nächten, in denen der Schlaf keinen echten Halt bietet. Aus Morgen, an denen man aufwacht und sich schon erschöpft fühlt, bevor der Tag überhaupt begonnen hat. Aus Gesprächen, in denen man Worte findet, aber nicht das Gefühl hat, wirklich gehört zu werden.

Diese Verzweiflung hat häufig keine dramatische, nach außen sichtbare Form. Sie ist leise. Sie ist zäh. Sie fühlt sich eher an wie ein inneres Absinken als wie ein Zusammenbruch. Viele Betroffene beschreiben, dass sie sich innerlich immer weiter von ihrem eigenen Leben entfernen. Dass sie funktionieren, während sie sich gleichzeitig zunehmend leer fühlen. Dass sie nach außen den Eindruck vermitteln, sie hätten alles im Griff, während sie innerlich kaum noch wissen, woher sie die nächste Kraft nehmen sollen.

In diesem Zusammenhang berichten viele von einer besonderen Art von Gedanken. Nicht unbedingt vom Wunsch zu sterben. Sondern vom Wunsch nach einer Pause vom eigenen Leben. Vom Wunsch, für einen Moment nicht mehr verantwortlich sein zu müssen. Nicht mehr entscheiden zu müssen. Nicht mehr aushalten zu müssen. Nicht mehr stark sein zu müssen. Der Wunsch, dass jemand anderes kurz das Steuer übernimmt. Dass man sich einfach hinlegen und nichts mehr tun darf, ohne dafür ein schlechtes Gewissen zu haben.

Diese Gedanken erschrecken viele Betroffene zutiefst. Sie passen nicht zu dem Bild, das sie von sich selbst haben. Sie passen nicht zu dem Wunsch, zu leben, der oft weiterhin vorhanden ist. Und genau dieser Widerspruch kann zusätzliche Angst und Scham auslösen. Manche fragen sich, was mit ihnen nicht stimmt. Ob sie undankbar sind. Ob sie versagen. Dabei sagen diese Gedanken vor allem eines aus. Dass die innere Belastungsgrenze erreicht oder überschritten ist.

Verzweiflung in diesem Sinne ist kein moralisches Versagen. Sie ist kein Zeichen fehlender Wertschätzung für das Leben. Sie ist eine menschliche Reaktion auf dauerhafte Überforderung. Auf ein Leben, das seit langer Zeit mehr fordert, als es entlastet. Auf eine Situation, in der Erholung nicht mehr ausreicht, um die inneren Reserven wieder aufzufüllen.

Es ist wichtig, diese Gedanken ernst zu nehmen, ohne sie sofort in extreme Kategorien einzuordnen. Nicht jede Sehnsucht nach Ruhe ist ein Todeswunsch. Nicht jeder Gedanke an Rückzug bedeutet Suizidalität. Oft bedeutet er schlicht, dass das System Mensch am Limit arbeitet. Dass Körper, Psyche und Nervensystem nach Entlastung verlangen.

Gleichzeitig verdienen diese Gedanken Aufmerksamkeit. Nicht im Sinne von Alarmismus, sondern im Sinne von Fürsorge. Sie sind Signale. Hinweise darauf, dass etwas zu schwer geworden ist, um es allein zu tragen. Dass Unterstützung notwendig sein könnte. Dass jemand zuhören sollte. Dass Entlastung gesucht werden darf.

Vielleicht ist einer der schwersten, aber auch wichtigsten Schritte, sich selbst zu erlauben, diese Verzweiflung als das zu sehen, was sie ist. Eine verständliche Reaktion auf eine außergewöhnlich belastende Situation. Kein persönliches Scheitern. Kein Beweis mangelnder Stärke. Sondern Ausdruck davon, wie viel bereits getragen wurde. Und manchmal beginnt genau hier, in dieser Anerkennung der eigenen Grenze, ganz leise die Möglichkeit, einen kleinen Spalt für Entlastung zu öffnen.

Die unsichtbare Last im Alltag

Multiple Sklerose ist häufig eine unsichtbare Erkrankung. Viele Symptome sind von außen nicht erkennbar. Fatigue sieht man nicht. Schmerzen sieht man nicht. Konzentrationsprobleme sieht man nicht. Diese Unsichtbarkeit ist ambivalent. Sie schützt vor Stigmatisierung, kann aber auch zu Missverständnissen führen.

Wenn andere nicht sehen, wie anstrengend etwas ist, erwarten sie Normalität. Wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, entstehen Spannungen. In Partnerschaften. In Familien. Am Arbeitsplatz. Betroffene geraten in die Rolle des Erklärenden. Sie müssen immer wieder begründen, warum etwas nicht geht. Dieses ständige Erklären kostet Energie. Energie, die ohnehin knapp ist.

Depression verstärkt dieses Erleben. Dinge, die ohnehin mühsam sind, werden noch mühsamer. Die Schwelle, um überhaupt anzufangen, steigt. Gleichzeitig bleibt der Anspruch an sich selbst oft hoch. Ein innerer Kritiker meldet sich. Du müsstest doch. Du solltest dich zusammenreißen. Andere schaffen das doch auch.

Diese inneren Dialoge sind Teil der Erkrankung. Sie sind nicht objektiv. Aber sie fühlen sich real an.

Diagnostik zwischen Körper und Seele

Die Erkennung einer Depression bei Menschen mit Multipler Sklerose erfordert Aufmerksamkeit und Sensibilität. Weil Symptome sich überlappen. Weil Betroffene selbst manchmal unsicher sind, ob das, was sie erleben, noch zur MS gehört oder darüber hinausgeht.

Wichtige Hinweise können anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, Schlafstörungen, Appetitveränderungen, innere Leere, Reizbarkeit oder sozialer Rückzug sein. Entscheidend ist weniger ein einzelnes Symptom als das Gesamtbild und die Dauer.

Es ist sinnvoll, dass neurologische Betreuung und psychische Diagnostik zusammen gedacht werden. Idealerweise arbeiten Neurologen, Hausärzte und Fachleute für Psychiatrie oder Psychotherapie eng zusammen. Leider ist diese Vernetzung in der Praxis nicht immer optimal.

Viele Betroffene zögern, psychische Symptome anzusprechen. Aus Angst, nicht ernst genommen zu werden. Aus Angst, als schwach zu gelten. Aus Angst, dass man ihnen dann weniger zutraut. Diese Sorgen sind verständlich. Sie dürfen aber kein Hindernis sein, Hilfe zu suchen.

Behandlungsmöglichkeiten und ihre Grenzen

Die Behandlung einer Depression bei Multipler Sklerose folgt grundsätzlich denselben medizinischen Prinzipien wie bei Menschen ohne MS. Und doch fühlt sie sich für viele Betroffene anders an. Weil sie nicht nur mit einer seelischen Erkrankung zu tun haben, sondern gleichzeitig mit einer chronischen neurologischen Erkrankung leben. Diese Doppelbelastung prägt auch den Blick auf Therapie. Sie prägt Erwartungen, Hoffnungen, aber auch Enttäuschungen.

Psychotherapie kann für viele Betroffene ein zentraler Baustein sein. Nicht, weil sie die Multiple Sklerose „wegmachen“ könnte. Nicht, weil sie verspricht, alles wieder gut werden zu lassen. Sondern weil sie helfen kann, einen verstehenden Blick auf das eigene Erleben zu entwickeln. Gedankenmuster, die sich im Laufe der Zeit verfestigt haben, können langsam sichtbar werden. Selbstabwertende inneren Stimmen. Überhöhte Ansprüche an sich selbst. Dauerhafte Schuldgefühle. In einem therapeutischen Raum dürfen diese Dinge ausgesprochen werden. Ohne bewertet zu werden. Ohne relativiert zu werden. Ohne sofortige Lösungen finden zu müssen.

Psychotherapie bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, die Erkrankung schönzureden oder zwanghaft positiv zu denken. Sie bedeutet auch nicht, sich einzureden, dass alles halb so schlimm sei. Sie bedeutet vielmehr, einen Ort zu haben, an dem die Realität in ihrer ganzen Schwere Platz haben darf. Mit all ihren Widersprüchen. Mit Wut auf den eigenen Körper. Mit Trauer über Verluste. Mit Angst vor dem, was kommen könnte. Mit Neid auf gesunde Menschen. Mit Erschöpfung. All diese Gefühle sind menschlich. Sie müssen nicht korrigiert werden. Sie dürfen verstanden werden.

Medikamente können insbesondere bei mittelgradigen und schweren Depressionen eine wichtige Rolle spielen. Antidepressiva können dazu beitragen, quälende Symptome wie innere Leere, Hoffnungslosigkeit, schwere Antriebslosigkeit oder anhaltende innere Unruhe abzumildern. Für manche Betroffene schaffen sie erst den inneren Spielraum, um überhaupt von psychotherapeutischen Angeboten profitieren zu können. Welche Substanz geeignet ist, ist eine individuelle Entscheidung, die gemeinsam mit ärztlichen Fachpersonen getroffen werden sollte.

Dabei gibt es Besonderheiten, die im Kontext von MS berücksichtigt werden müssen. Manche Antidepressiva können Wechselwirkungen mit krankheitsmodifizierenden MS-Therapien haben. Andere können bestimmte MS-Symptome beeinflussen. Manchmal positiv, etwa auf Schmerzen oder Schlaf. Manchmal ungünstig, etwa auf Fatigue oder Konzentration. Diese Zusammenhänge sind komplex und erfordern eine sorgfältige Abwägung. Dass eine Medikamentensuche Zeit braucht, ist leider keine Seltenheit. Auch das kann frustrierend sein.

Viele Betroffene wünschen sich eine klare Linie. Eine Behandlung, die einmal begonnen wird und dann zuverlässig wirkt. Die Realität ist häufig weniger geradlinig. Behandlung verläuft selten wie eine gerade Strecke. Sie verläuft eher in Schleifen. Mit Phasen, in denen sich etwas erleichtert. Mit Phasen, in denen sich scheinbar nichts bewegt. Mit Phasen, in denen alte Symptome wieder stärker werden, obwohl man dachte, sie seien überwunden.

Diese Schwankungen sind kein Beweis dafür, dass Therapie sinnlos ist. Sie sind auch kein persönliches Versagen. Sie sind Ausdruck davon, dass Depression eine ernsthafte Erkrankung ist und Multiple Sklerose eine chronische Erkrankung. Zwei Prozesse, die sich gegenseitig beeinflussen und die sich nicht einfach „abarbeiten“ lassen.

Manche Menschen machen die Erfahrung, dass sich ihre Depression langsam abschwächt. Andere erleben eher ein Auf und Ab. Wieder andere brauchen langfristige Unterstützung. All diese Verläufe sind möglich. Keiner davon ist falsch.

Vielleicht ist einer der hilfreichsten Gedanken in diesem Zusammenhang, dass Behandlung nicht bedeutet, ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen. Nicht, wieder genauso zu werden wie früher. Nicht, dauerhaft glücklich zu sein. Sondern etwas bescheidener. Etwas menschlicher. Nämlich: Leid zu verringern. Belastung etwas erträglicher zu machen. Spielräume zu schaffen. Kleine Inseln von Stabilität zu finden.

Auch das ist nicht wenig. Und auch das verdient Anerkennung.

Die Perspektive der Angehörigen

Auch Angehörige leben mit der Erkrankung. Vielleicht nicht im eigenen Körper, aber doch jeden Tag im eigenen Herzen, im eigenen Denken, im eigenen Alltag. Sie erleben die Multiple Sklerose und die begleitende Depression aus nächster Nähe. Sie sehen Veränderungen, oft lange bevor Worte dafür gefunden werden. Sie beobachten, wie sich Energielevel verschieben. Wie Interessen leiser werden. Wie sich Stimmungen verändern. Wie jemand, den sie lieben, sich langsam zurückzieht. Und gleichzeitig stehen sie daneben und wissen oft nicht, was richtig ist.

Viele Angehörige tragen den starken Wunsch in sich, helfen zu wollen. Leiden lindern zu wollen. Mut machen zu wollen. Sie suchen nach den richtigen Worten, nach den richtigen Gesten, nach dem richtigen Maß an Nähe. Doch genau dieses Ringen kann sehr erschöpfend sein. Denn es gibt keine einfachen Antworten. Was gestern geholfen hat, kann heute falsch wirken. Was als Aufmunterung gemeint ist, kann als Druck empfunden werden. Was als Rückzug verstanden werden soll, kann sich wie Ablehnung anfühlen.

Oft entsteht bei Angehörigen ein Gefühl von Hilflosigkeit. Sie sehen das Leiden, können es aber nicht wegnehmen. Sie möchten schützen, können aber nicht verhindern, dass die Erkrankung fortschreitet oder dass depressive Phasen auftreten. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit ist schwer auszuhalten. Manche reagieren mit noch mehr Aktivität, mit Kümmern, mit Organisieren. Andere ziehen sich innerlich zurück, weil sie die ständige Konfrontation mit dem Leid kaum ertragen.

Depression verändert Beziehungen. Sie verändert Kommunikationsmuster. Sie verändert Nähe. Betroffene ziehen sich häufig zurück, nicht weil sie ihre Angehörigen nicht mehr lieben, sondern weil ihnen die Kraft fehlt. Oder weil sie das Gefühl haben, anderen zur Last zu fallen. Angehörige erleben diesen Rückzug oft als Ausschluss. Als Distanz. Manchmal als persönliche Kränkung. Auch wenn sie rational wissen, dass die Erkrankung dahintersteht, tut es emotional weh.

So entstehen leicht Missverständnisse. Auf beiden Seiten. Betroffene denken, sie müssten ihre Probleme für sich behalten, um niemanden zu belasten. Angehörige denken, sie dürften nicht nachfragen, um keinen zusätzlichen Druck zu erzeugen. Zwischen diesen beiden Haltungen wächst Schweigen. Und Schweigen lässt Raum für Interpretationen. Für Schuldgefühle. Für Selbstvorwürfe. Für Gedanken wie: Ich mache alles falsch. Oder: Ich genüge nicht.

Dabei leiden oft beide Seiten. Auf unterschiedliche Weise, aber gleichzeitig. Diese gegenseitige Belastung ist kein Zeichen einer schlechten Beziehung. Sie ist Ausdruck einer Situation, die objektiv überfordernd ist.

In diesem Spannungsfeld kann es hilfreich sein, Angehörige bewusst mit einzubeziehen. In Gespräche mit Behandelnden. In Aufklärung über MS und Depression. In therapeutische Prozesse, wenn dies für alle Beteiligten stimmig ist. Nicht, um Schuld festzustellen. Nicht, um jemanden zu korrigieren. Sondern um Verständnis zu vertiefen.

Wenn Angehörige besser verstehen, was Depression bedeutet, können sie Rückzug eher als Symptom einordnen und weniger als Ablehnung. Wenn Betroffene erleben, dass ihre Angehörigen Informationen bekommen, kann das entlasten. Es nimmt ein Stück des Drucks, alles selbst erklären zu müssen.

Manchmal entstehen in solchen gemeinsamen Gesprächen erstmals Worte für Dinge, die lange unausgesprochen geblieben sind. Für Angst. Für Überforderung. Für Liebe. Für Erschöpfung. Für Wünsche. Diese Worte lösen nicht alle Probleme. Aber sie können einen Raum öffnen, in dem sich Menschen wieder ein Stück näherkommen.

Auch Angehörige dürfen erschöpft sein. Auch sie dürfen Unterstützung brauchen. Auch ihre Gefühle sind legitim. Niemand begleitet eine chronische Erkrankung über Jahre hinweg, ohne selbst Spuren davon zu tragen.

Vielleicht ist einer der wichtigsten Gedanken in diesem Zusammenhang, dass es kein perfektes Verhalten gibt. Weder für Betroffene noch für Angehörige. Es gibt nur Menschen, die versuchen, in einer schwierigen Situation ihr Bestes zu geben. Und manchmal ist dieses Beste schlicht: Da zu sein. Auch wenn man nicht weiß, was man sagen soll.

Identität im Wandel

Eine der tiefsten und zugleich schmerzhaftesten Herausforderungen bei Multipler Sklerose ist der allmähliche Wandel der eigenen Identität. Dieser Wandel vollzieht sich selten in einem klaren, abgegrenzten Moment. Er geschieht schleichend. Oft über Jahre. In kleinen Verschiebungen, die zunächst kaum greifbar sind. Und irgendwann steht man vor Fragen, die sich nicht mehr beiseiteschieben lassen. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr so leistungsfähig bin wie früher. Wer bin ich, wenn mein Körper nicht mehr selbstverständlich mitmacht. Wer bin ich, wenn vieles, worüber ich mich definiert habe, brüchig geworden ist.

Für viele Menschen war Leistung ein wichtiger Teil ihrer Identität. Berufliche Kompetenz. Verlässlichkeit. Belastbarkeit. Für andere war es körperliche Aktivität. Sport. Mobilität. Spontaneität. Wieder andere haben sich stark über ihre Rolle für andere definiert. Als Versorger. Als Stütze. Als jemand, der immer da ist. Multiple Sklerose kann all diese Säulen erschüttern. Nicht unbedingt gleichzeitig. Aber oft nach und nach. Und jeder Riss in einer solchen Säule hinterlässt Spuren im Selbstbild.

Diese Veränderungen können ein tiefes Gefühl von Fremdheit gegenüber sich selbst auslösen. Manche Betroffene beschreiben, dass sie sich wie eine andere Person fühlen als früher. Dass sie sich selbst nicht mehr richtig erkennen. Dass sie sich fragen, wo die Person geblieben ist, die sie einmal waren. Dieses Empfinden ist schwer auszuhalten. Denn Identität gibt Halt. Sie vermittelt Kontinuität. Sie sagt uns, wer wir sind. Wenn sie ins Wanken gerät, fühlt sich vieles unsicher an.

Viele Betroffene trauern um ihr früheres Selbst. Um die Version von sich, die scheinbar mühelos durch den Alltag ging. Um die Person, die Pläne machte, ohne dabei den eigenen Körper mitdenken zu müssen. Um Träume, die nun unerreichbar erscheinen oder zumindest verändert werden müssen. Diese Trauer ist nicht kleinlich. Sie ist nicht übertrieben. Sie ist nicht Ausdruck von mangelnder Dankbarkeit für das, was noch da ist. Sie ist Ausdruck von Verlust. Und Verlust darf betrauert werden.

Oft mischt sich in diese Trauer ein innerer Konflikt. Auf der einen Seite das Wissen, dass man lebt. Dass man noch Fähigkeiten hat. Dass andere es vielleicht schwerer haben. Auf der anderen Seite das schmerzliche Empfinden, dass etwas Entscheidendes verloren gegangen ist. Beide Perspektiven können gleichzeitig existieren. Sie widersprechen sich nicht. Sie zeigen nur, wie komplex diese Erfahrung ist.

Depression kann diesen ohnehin schwierigen Identitätswandel zusätzlich verengen. Sie neigt dazu, den Blick immer wieder auf das zu richten, was nicht mehr geht. Auf Defizite. Auf Verluste. Auf Einschränkungen. Die innere Stimme wird härter. Sie sagt, was man alles nicht mehr ist. Was man nicht mehr kann. Was man nicht mehr wert sei. Diese Stimmen sind Teil der Erkrankung. Sie sind nicht die Wahrheit. Aber sie fühlen sich oft sehr überzeugend an.

Therapie kann in diesem Prozess einen behutsamen Gegenraum eröffnen. Nicht, indem sie Verluste kleinredet. Nicht, indem sie vorgibt, dass alles gut sei. Sondern indem sie hilft, die eigene Geschichte neu zu erzählen. Mit Brüchen. Mit Verlusten. Aber auch mit Kontinuitäten. Mit Eigenschaften, die geblieben sind. Mit Fähigkeiten, die sich vielleicht anders zeigen als früher.

Manche Betroffene entdecken im Laufe der Zeit neue Seiten an sich. Andere Formen von Stärke. Andere Formen von Bedeutung. Andere Wege, mit anderen verbunden zu sein. Dieser Prozess ist nicht geradlinig. Er ist nicht planbar. Er lässt sich nicht erzwingen. Und er verläuft bei jedem Menschen anders.

Vielleicht ist ein zentraler Gedanke in diesem Zusammenhang, dass Identität nicht statisch ist. Sie war es auch vor der Erkrankung nicht. Das Leben verändert Menschen. Multiple Sklerose verändert Menschen auf eine besonders einschneidende Weise. Aber Veränderung bedeutet nicht automatisch Verlust von Wert.

Wer man ist, reduziert sich nicht auf das, was man leisten kann. Nicht auf das, wie schnell man ist. Nicht auf das, wie belastbar man ist. Wer man ist, zeigt sich auch in der Art, wie man fühlt. Wie man leidet. Wie man weiterlebt, obwohl vieles schwer geworden ist.

Diese Sichtweise nimmt den Schmerz nicht weg. Aber sie kann vielleicht einen kleinen Spalt öffnen. Einen Spalt, durch den langsam die Möglichkeit entsteht, sich selbst nicht nur als beschädigte Version des früheren Selbst zu sehen. Sondern als Mensch in einem schwierigen Wandel. Mit einer Geschichte. Mit Würde. Mit einem Wert, der nicht an Leistungsfähigkeit gebunden ist.

Zwischen Hoffnung und Realismus

Hoffnung im Kontext einer chronischen Erkrankung ist kein Versprechen auf Heilung. Hoffnung ist eher die Möglichkeit, dass es trotz allem Momente von Bedeutung, Nähe, Sinn geben kann. Hoffnung ist leise. Sie ist fragil. Sie ist nicht immer verfügbar.

Realismus bedeutet, die Schwere der Situation nicht zu verleugnen. Hoffnung bedeutet, sich nicht vollständig von ihr definieren zu lassen. Beides darf nebeneinander existieren.

Viele Betroffene berichten, dass sich ihr Verhältnis zur Zeit verändert. Langfristige Pläne werden schwieriger. Der Fokus verschiebt sich manchmal stärker auf den gegenwärtigen Moment. Auch das ist eine Anpassung, die nicht romantisiert werden sollte, die aber Teil vieler Krankheitsbiografien ist.

Ein würdiger Raum für alles, was da ist

Multiple Sklerose und Depression bilden keine saubere Trennung zwischen Körper und Seele. Sie verweben sich. Sie beeinflussen sich gegenseitig. Sie schaffen eine komplexe Realität, die sich nicht auf einzelne Symptome reduzieren lässt.

Es ist würdig, müde zu sein. Es ist würdig, traurig zu sein. Es ist würdig, wütend zu sein. Es ist würdig, Hilfe zu brauchen. Würde entsteht nicht durch Leistung. Sie entsteht durch Menschsein.

Vielleicht ist einer der wichtigsten Schritte, sich selbst langsam zuzugestehen, dass das eigene Erleben berechtigt ist. Dass es keinen objektiven Maßstab gibt, der festlegt, ab wann etwas schwer genug ist, um ernst genommen zu werden. Dass das eigene Empfinden zählt.

Dieser Text kann keine Lösungen liefern. Er kann keine Lasten wegnehmen. Aber vielleicht kann er einen Raum öffnen, in dem Betroffene und Angehörige sich ein Stück weniger allein fühlen. Einen Raum, in dem die Verbindung zwischen Multiple Sklerose, Depression, Scham und Verzweiflung nicht als persönliches Versagen verstanden wird, sondern als menschliche Reaktion auf eine außergewöhnliche Belastung.

Und vielleicht ist genau das ein Anfang. Kein spektakulärer. Kein lauter. Aber ein leiser, ehrlicher Anfang.

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